Abstecher abseits der großen Straßen - Teil 1

Quelle: Jaanus Ree, Visit Estonia

Abstecher abseits der großen Straßen - Teil 1

Von Tallinn aus nach überall


Sieben große Landstraßen durchziehen Estland. Sie verbinden die Hauptstadt Tallinn mit den weiteren größeren estnischen Städten – und diese wiederum untereinander. Im ersten Teil des Beitrages fahren wir von Tallinn aus in alle Richtungen: nach Narwa, nach Tartu, via Haapsalu nach Rohuküla und ins Sommerseebad Pärnu. Unterwegs – das ist der Witz an der Sache – verlassen wir die Hauptrouten und machen kleine Abstecher, denn es gibt viel zu entdecken.

Im zweiten Teil dieses Beitrages lesen Sie Abstecher-Tipps für die Strecken Tartu – Pärnu, Tartu – Narwa und Pärnu – Haapsalu.



Von Tallinn in Richtung Narwa (L1 / E20) 


Eine Dreiviertelstunde fährt man von Tallinn aus auf der europäischen Fernstraße E20 ostwärts bis zum ersten Abstecher auf der Strecke. Kurz nach Vahastu muss man einen U-Turn hinlegen, um auf die L84 zu gelangen, die nach 500 Metern zum Parkplatz des Viru-Hochmoores führt. Hier kann man wunderbar spazieren gehen und dabei eines der schönsten Moore des Landes erkunden.

Zurück auf der E20 geht es weiter in Richtung Narwa. Kurz vor der Ortschaft Viitna biegt man auf die L176 ab, die nach etwa 5 Kilometern direkt am Gutshof Palmse vorbeiführt. Der Parkplatz ist auf der linken Seite der Straße. Palmse gehört zu den Perlen der estnischen Gutshöfe. Das gesamte Ensemble ist wunderschön restauriert. Es gibt hier auch Gastronomie und diverse Veranstaltungen.

Falls Sie sich den Magen nicht bereits in Palmse vollgeschlagen haben, gibt es jetzt einen Tipp für eine kulinarische Rast. Das Restaurant Tulivee liegt mehr oder minder allein am Hafen von Purtse, direkt an der Ostsee. Es bietet einen herrlichen Ausblick und eine sehr leckere frische skandinavische Küche. Sie fahren von Palmse wieder auf die E20 Richtung Narwa. Einige Kilometer hinter Aseri und noch vor dem Ort Purtse geht es über ein kleines Sträßchen (L190) links ab ans Meer. Ellen Spielmann war dort und zeigte sich schwer begeistert.

Gut gespeist? Dann sollten Sie jetzt einen schönen Strandspaziergang an der Steilküste Ontika machen. Etwa 15 Autominuten weiter gen Osten finden Sie den Gutshof Saka. Hier können Sie parken. Laufen Sie zu dem alten Beobachtungsturm auf dem Saka-Gelände und wenden Sie sich dann nach links. Nach wenigen Metern entdecken Sie eine sich schlängelnd in den Steilküstenwald verlierende Stahltreppe mit rotem Geländer. Da geht's runter – und dann nach Herzenslust direkt am Wasser entlang. Aber denken Sie dran: Zum Schluss müssen Sie diese Treppe wieder rauf!

Abermals 12 Kilometer ostwärts – Sie können von Saka aus direkt an der Küste entlangfahren – findet sich der Valaste-Wasserfall, mit 40 Metern Fallhöhe der höchste Estlands. Sehenswert!

Bleiben Sie jetzt auf der kleinen Küstenstraße L133; sie führt direkt nach Toila, unserer nächsten Station. Hier folgen Sie den Schildern zum Toila Gymnasium („Gümnaasium") und stellen direkt dort den Wagen ab. Hinter dem heutigen Gymnasium eröffnet sich der teilweise wunderschön angelegte, in anderen Teilen herrlich wald-wilde Oru-Park. Der kleine Pavillon mit schönem Blick über die See ist auch nicht weit.

Die letzte Station auf unserer Abstecher-Strecke in Richtung der estnisch-russischen Grenze ist die Stadt Sillamäe. Von Toila aus sind Sie in 20 Minuten dort. Sillamae ist bekannt für seine stalinistische Architektur. Zusammen mit den schnurgeraden Alleen bilden die alten Gebäude ein aus der Zeit gefallenes Gesamtkunstwerk. Hier gibt es auch Museen mit interessanten Ausstellungen.



Von Tallinn in Richtung Tartu (L2 / E263)


Auf der L2 – der europäischen Fernstraße E263 – geht es von Tallinn aus am Ülemiste-See und dem Flughafen Lennart Meri vorbei gen Südosten. Bereits nach einer halben Autostunde können Sie eine ausgedehnte Fahrpause machen, denn in der Nähe der Ortschaft Saula gibt es allerhand zu entdecken. Vor allem Ihre Kinder werden sich über das hübsche Wikingerdorf freuen. Es liegt direkt neben der Landstraße am Flüsschen Pirita und man kann hier auch essen und sogar saunieren!

Nur wenige Meter weiter – allerdings auf der anderen Seite der Landstraße – findet sich ein Parkplatz. Von hier aus laufen Sie zu Fuß durch den Wald zu den berühmten Opferquellen Saula Siniallikad. Mit ihren unterschiedlich farbig erscheinenden Wassern, denen übrigens Heilwirkung nachgesagt wird, zählen sie zu den heiligen Orten Estlands. Wunderschön und inspirierend sind sie in jedem Fall.

Es geht weiter in Richtung Tartu. Kurz vor der Ortschaft Mäo biegen Sie rechts auf die L5 ab und gelangen nach wenigen Kilometern nach Paide – übrigens der Geburtsort des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Hier gibt es eine wundervolle Station für die ganze Familie, nämlich das „Zeitzentrum Wittenstein". Im Turm auf dem Wallberg können Sie hier Zeitreisen durch verschiedene Epochen der Menschheitsgeschichte unternehmen.

Als nächstes gilt es, zwei schöne Gutshöfe zu besichtigen. Sie fahren von Paide aus wieder zurück auf die L2 und dort weiter Richtung Süden. In Höhe der Ortschaft Põltsamaa biegen Sie links ab Richtung Lustivere. Das beeindruckende Gutshaus Lustivere im neugotischen Stil kann man von außen besichtigen. Er beherbergt mittlerweile ein Seniorenheim.

Nur 15 Autominuten entfernt findet sich der Gutshof Puurmani. Das große weiße Gutshaus wurde um 1860 im Stil der Neorenaissance erbaut und beherbergt heute das örtliche Gymnasium. Eine Besichtigung ist möglich, es können auch Räume für Veranstaltungen gemietet werden und hin und wieder finden hier Konzerte statt.

Die letzte Zwischenstation auf unserem Weg von Tallinn nach Tartu ist das riesige Naturschutzgebiet Alam-Pedja. Sowohl Naturfreunde als auch Hobby-Ornithologen wird hier das Herz aufgehen. Es gibt Wälder, Moore, Flüsse, Wiesen und eine lebendige Fauna und Flora. Ein großartiger Wanderweg führt durch das Gebiet – mit einem Vogelbeobachtungsturm, zwei naturkundlichen Lehrpfaden und diversen Rast- und Feuerplätzen. Das über 34.000 Hektar große Terrain kann von allen angrenzenden Straßen aus begangen werden. Der Hauptwanderweg startet bei den Fischteichen von Ilmatsalu.



Von Tallinn in Richtung Pärnu (L4 / E67)


Aus der Fahrt von Tallinn ins Sommerseebad Pärnu lässt sich spielend eine abwechslungsreiche kleine Abenteuerreise für die ganze Familie machen. Denn unterwegs gibt es schöne Anlässe für ausgedehnte Erlebnis-Pausen!

Nach rund 40 Autominuten auf der europäischen Fernstraße E67 wartet bereits die erste Station. Der Gutshof Kernu (deutsch: Kirna) verfügt über ein prächtiges, wunderschön restauriertes Herrenhaus in Seelage. Das Gehöft dient heute als Veranstaltungszentrum. Es gibt ein Hotel und ein ausgezeichnetes Restaurant. Vielleicht essen Sie hier zu Mittag und machen anschließend noch einen Verdauungsspaziergang durch das Parkgelände?

Anschließend geht es auf der L4 weiter zum Bauernhofmuseum in Sillaotsa. Am besten erreichen Sie das Museum, wenn Sie kurz nach Passieren der Ortschaft Märjamaa links auf die L171 abbiegen und an deren Ende rechts auf die L165 einschwenken. Auf der 17 Hektar großen Fläche tauchen Sie in das Leben der ehemaligen Gemeinde Velise ein, wie es für den normalen Bürger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aussah. Sie können eine Kutschfahrt oder einen Ausritt zu Pferd vorbestellen. Außerdem kann ein natur- und kulturgeschichtlicher Lehrpfad bewandert werden.

Nur 20 Autominuten entfernt liegt die Cidrefabrik Jaanihanso. Hier wird aus estnischen Äpfeln leckerer Apfelwein hergestellt – der natürlich vor Ort auch gekostet und gekauft werden kann.

Der nächste Halt ist ein Paradies für große und kleine Männer: das schlicht „Automuuseum" genannte Automuseum liegt in der Gemeinde Halinga – nur rund 10 Minuten südlich der Cidre-Fabrik und direkt an der Straße nach Pärnu. Es verfügt über eine wunderbare Sammlung von Fahrzeugen, die im Laufe der Geschichte in der ehemaligen Sowjetunion gefertigt wurden und ist in dieser Sparte das größte Museum seiner Art in ganz Europa. Ein absolutes Muss sowohl für alle Automobil-Enthusiasten als auch für an der Geschichte der SU Interessierte.

Der letzte Abstecher auf unserer Tour führt in die Natur und hält jede Menge „Soulfood" bereit. Was Sie hier erwartet, wird nicht nur die Herzen ihrer Kinder höher schlagen lassen, sondern auch Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wir machen nämlich Halt bei der größten Alpaka-Farm Estlands. Sie befindet sich weitere 10 Kilometer gen Süden, in Kännu. Neben den herrlichen Alpakas, die gestreichelt und gefüttert werden dürfen, gibt es hier auch einen Streichelzoo mit weiteren Kleintieren. Im Hofladen können Mitbringsel aus Alpakawolle erworben werden.



Von Tallinn via Haapsalu nach Rohuküla (L9)

Von Tallinn aus geht es zunächst auf die europäische Fernstraße E67 (L4) und dann auf die L9. Nach rund 40 Kilometern gelangen Sie nach Laitse. Und hier gibt es gleich zwei lohnende Stationen abseits unserer Route, die nur wenige Kilometer auseinander liegen.

Zunächst ist das das Schloss Laitse. Eines der landesweit beeindruckendsten Gebäude im neugotischen Stil, erinnert das Herrenhaus an eine mittelalterliche Ritterburg, wurde tatsächlich jedoch um 1892 errichtet. Das Schloss verfügt über Fremdenzimmer, ein Restaurant und einen hübsch angelegten Garten.

Knapp 5 Kilometer südlich findet sich auf der anderen Seite der L9 der Laitse-Rallye-Park. Ihre Kinder werden Ihnen für einen dortigen längeren Aufenthalt dankbar sein, denn hier gibt es alles, was das automobile Herz begehrt. Von Elektroautos für die Kleineren über Karts bis hin zu echten Rallye-Autos können hier sämtliche motorisierten Fortbewegungsmittel auf passenden Pisten selbst gefahren werden.

Auf dem Gelände des Laitse-Rallye-Parks gibt es außerdem eine kleine, aber feine Oldtimersammlung zu bestaunen. Das ist hier was für Ästheten und Fans der sowjetischen Automobilgeschichte! Und das Allerbeste: Die Fahrzeuge kann man für Ausfahrten mieten – mit oder ohne Chauffeur. Die Besichtigung der Sammlung und Fahrtenbuchungen müssen im Vorfeld angefragt werden.

Nach diesem Technik-Highlight wird es Zeit für etwas Besinnung und für Naturgenuss. Das Hochmoor Marimetsa liegt 25 Autominuten südwestlich von Laitse. Es geht immer die L9 entlang und in Höhe der Ortschaft Risti biegen Sie auf die L10 ab. Der Abzweig zum Parkplatz ist dann beschildert. Neun Kilometer misst der Wanderweg durch das Hochmoor insgesamt (hin und zurück). Sie sollten für die ganze Strecke mindestens 4 Stunden Zeit einplanen und auf jeden Fall Gummistiefel mitnehmen; der Weg ist streckenweise nass. Ein großer Teil führt über einen Holzbohlen-Pfad; am Ende wartet ein Aussichtsturm. Unterwegs gibt es Gelegenheit zur Vogelbeobachtung, Rastplätze mit Bänken und Natur satt.

Als nächstes steht ein wenig Kultur auf dem Programm. Wohlbehalten aus dem Moor zurückgekehrt, fahren Sie auf der L9 weiter gen Westen. Im Örtchen Kadarpiku erwartet Sie ein pittoreskes Landhaus, das einst von dem estnischen Maler Ants Laikmaa gebaut und bis zu seinem Tod im Jahr 1942 bewohnt wurde. Laikmaa hatte u.a. in Düsseldorf Malerei studiert und brachte anschließend den Impressionismus nach Estland. Bekannt wurde er vor allem für seine Aquarelle. Sein letzter Wohnsitz ist seit 1960 ein Museum zu seinen Ehren.

Wir kommen jetzt über die L9 nach Haapsalu. Für die meisten ist dies das Ziel der Reise – und das zu Recht. Schon der russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski liebte das bezaubernde Städtchen, machte hier bisweilen Urlaub und soll auch eine seiner Symphonien hier komponiert haben. Nehmen Sie sich mindestens zwei Tage Zeit, um Haapsalu zu erkunden; mindestens sollten Sie aber einen Spaziergang an der Promenade machen!

Auch wenn die Fahrt auf der L9 für viele Reisende in Haapsalu endet – die Straße führt noch weiter. Und unterwegs, auf halbem Weg zwischen Haapsalu und Rohuküla, gibt es ein weiteres Highlight zu besichtigen. Das Schloss Ungru ist nur in Ruinen vorhanden, aber eben dies macht seinen düsteren Reiz aus. Es gilt als einer der Instagram-Hotspots Estlands – vor allem bei Gewitterstimmung und bei einsetzender Dunkelheit. Das neobarocke Gebäude wurde einst als sehr originalgetreue Kopie des Schlosses in Merseburg am Bodensee konzipiert, aber nie vollständig fertig gebaut. Zu Sowjetzeiten wurden Steine des Schlosses gar als Material für die Landebahn des Flughafens verwendet; zwei Drittel des Bestandes haben diese pragmatische Attacke überlebt.




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