An der Grenze zwischen Osten und Westen

Quelle: Ashwin Bhardwaj

An der Grenze zwischen Osten und Westen


Piret Malv

Ashwin Hardware ist Reiseschriftsteller und Filmemacher von The Telegraph. Im Rahmen seines neuen Podcasts Edgelands unternahm er eine Reise von 5000 Meilen entlang der Westgrenze Russlands und hielt sich unter anderem in Estland auf, um den Berührungspunkt zwischen Osten und Westen zu untersuchen. Während der Reise konnte er authentisches Ostern erleben und fuhr mit einem Kajak #EstonianWay.

Eine Reise in die Grenzregionen bedeutet Sachen zu erleben, die nur in der Nähe der Grenzen möglich sind, es ist eine Möglichkeit die eigenen Grenzen auszuloten.

Foto: Ashwin Bhardwaj

Um das Leben spannender zu machen und die Existenz total anders zu betrachten, reisen die Wandersmänner oft nicht in dieses oder jenes Land, sondern machen sich ausgehend von einem Ziel auf den Weg, das die Welt vielseitiger darstellt als die politischen Grenzen. Deshalb geht man auf Weltreisen, oder man besucht nur kleine Häfen, schreitet einer Wanderroute entlang. Je mehr Menschen es gibt, die an solche Reisen denken, umso vielfältiger und toleranter ist die Welt. Wenn man thematisch, nicht zielortorientiert reist, kann man häufig erleben, wie viel Ähnliches es in Sachen gibt, die auf den ersten Blick so unterschiedlich sind, wie viel Interessantes findet sich im Spannungsfeld der unterschiedlichen Kulturen und Wünsche und wie wir alle dafür verantwortlich sind, dass alle Kulturtraditionen und die Natur weiterhin bestehen bleiben.

Der Reiseschriftsteller Ashwin Bhardwaj wählte die Grenze zum Thema seiner Reise. Die Grenze bietet beim Reisen von vorn herein etliche Möglichkeiten: man kann Sachen erleben, die nur in der Nähe der Grenzen möglich sind, es ist eine Möglichkeit, die eigenen Grenzen auszuloten.

Setukesen - eine Nation an der Grenze von Estland zu Russland

Eine der Erfahrungen, die Ashwin in den Grenzregionen gemacht hat, war seine Reise zu den Setukesen. Die Setukesen, die jahrhundertelang an der Estnisch-Russischen Grenze gelebt haben, haben eine total einzigartige Kultur ausgebildet und tradiert. Ihre Kultur enthält Elemente aus beiden Kulturterritorien. Aus der Synergie dieser sind sowohl auf der geistigen als auf der geographischen Grenze kulturelle Explosionen entstanden, die weit über die Grenzen der Region berühmt wurden. So ist die wirklich einzigartige Gesangstechnik, genannt leelo, in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO eingetragen, diese Musik ist auf den Festen der Setukesen auch heute noch zu hören.

Die Setukesen singen traditionelle Lieder

Foto: Kaspar Orasmäe, Visit Estonia

Ashwin kam während des Osterfestes zu den Setukesen, die dieses Fest feierlicher und vielfältiger begehen, als es sonst in Estland üblich ist. Der Reiseschriftsteller nahm an mehreren Ritualen mit dem Hühnerei teil - dieses symbolisiert die Wiedergeburt. Traditionell wurden die Eier mit Zwiebelschalen gefärbt und gerollt - als ein Spiel, ähnlich dem Pétanque. Auch die Sitte der Setukesen, dass bei den Festen niemals die Vorfahren vergessen werden dürfen, ist bekannt, daher wird der Friedhof dann stets besucht. Die Rituale wurden von einem starken Gemeinschaftsgefühl der Setukesen begleitet.

Wenn man schon in der Region der Setukesen ist, lohnt es sich, auch die Rauchsauna zu besuchen. Auch diese Tradition, die in der Liste des Erbes der UNESCO geführt wird, wird weiterhin gepflegt und in unterschiedlichen Funktionen eingesetzt. Das Ritual der Rauchsauna reinigt den Körper und die Sinne; mit Rauch wird in der Sauna Slow-Food, das berühmte lokale Rauchfleisch hergestellt.

Quästen ist Teil des Saunarituals

Foto: Mart Vares, Visit Estonia

Aus der Sauna, die auf 120 Grad geheizt wird, wird in den eiskalten Teich gesprungen. Und dies wird nicht ohne Grund gemacht. Das ist weder Eigentümlichkeit der nordischen Länder noch eine Laune, sondern aus gesundheitlichen Gründen sehr praktisch. Wer seine Blutgefässe dazu zwingt regelmäßig schnell zusammenzuziehen und sich zu entspannen, übt sie und bleibt lange gesund und jung. Ashwin jedenfalls fand, dass der Kälteschock weder seltsam ist, noch  Blut in den Adern gerinnen lässt, es ist vielmehr eine Tradition, an die er sich gern gewöhnen würde.

Das schöne Soomaa lädt zur Wanderung ein

Der Videobeitrag vom Reiseerlebnis Ashwins über Soomaa erinnert an die tollsten Filmmomente der Naturfilme von National Geographic und der Kanäle der BBC. In der Gegend Soomaa, die auch die Hauptstadt der estnischen Wildnisgebiete genannt worden ist, gibt es sogar fünf große Moore. Wegen der großen unberührten Territorien gehört es zum Netzwerk der Wildnisgebiete in Europa.

Dank Soomaa gibt es in Estland neben Frühling, Sommer, Herbst und Winter noch eine fünfte Jahreszeit, die ein vielfältiges Gesicht zeigt. Die fünfte Jahreszeit kann nach den starken Regenfällen auch im Sommer oder im Herbst vorkommen, doch meistens tritt sie nach der Schneeschmelze im Frühling auf. Dann werden Weiden und Wälter von dem aus der Gefangenschaft hervorgetretene Wasser überschwommen. Die mächtigsten Überschwemmungen kommen in Soomaa im Frühling dann vor, wenn es auf einen Schlag warm wird. Wie stark die Überschwemmung ist, hängt nicht so sehr von der Schneemenge ab, vielmehr ist die Geschwindigkeit der Schmelze entscheidend.

Wie bei den Eisstraßen müssen die Wanderer auch hier sehr aufmerksam sein: Es kann ebenso abrupt zu Ende gehen wie es begann. Daher lohnt es sich die Reise hierher zu unternehmen, sobald die Natur dies ermöglicht.

Die fünfte Jahreszeit bzw. die Überschwemmung im Frühling in Soomaa

Foto: Karl Ander Adami Visit Estonia

Die Überschwemmung in Soomaa in Estland ist keine außerordentliche Katastrophe, die den alltäglichen Lebensrhythmus durcheinander bringen würde. Es ist vielmehr eine erwartetes Ereignis, das den Kreislauf der Natur symbolisiert und zugleich die uralte Kultur weiterträgt. So werden in Soomaa neben den heutigen sportlichen Kajaks auch die hunderte Jahre alten Einbäume zum Fortbewegen eingesetzt, die eine der ältesten Bootstypen in der Welt sind.

In Soomaa warten Fußwanderungen, Kajakwanderungen und Schneeschuhwanderungen auf die Gäste, im Winter kann man auf weiten glatten Eisflächen, die die Natur gestaltet hat, Schlittschuh oder Tretschlitten fahren. Von der Tierbeobachtung ist die Biberbeobachtung besonders charakteristisch - der Biberwanderweg, der am Besucherzentrum des Nationalparks Soomaa beginnt, eignet sich auch für Rollstuhlbenutzer und Wanderer mit Kinderwagen.

Siehe Video: estonianway.com/ashwinbhardwaj

Zuletzt aktualisiert: 06.06.2019

Thema: Südestland, Westestland, Aktivitäten & Abenteuer, Natur & Tierwelt

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