Estland auf den Welterbe-Listen der UNESCO

Quelle: Visit Estonia

Estland auf den Welterbe-Listen der UNESCO

Estlands vielseitiges Kulturerbe blieb nicht unbemerkt. Von alten Liedern über die Hochzeits- und Saunatradition bis zur Architektur der Hauptstadt reicht die Palette an UNESCO-Kostbarkeiten, deren Erforschung sich auf jeder Urlaubsreise lohnt.


Altstadt Tallinn

Die Ursprünge Tallinns reichen bis in das 13. Jahrhundert zurück, als die missionierenden Ritter des Deutschen Ordens hier eine Burg errichteten. Bald danach entwickelte sich Tallinn zu einem der wichtigsten Zentren der Hanse.

Vom Wohlstand der Stadt zeugen die prächtigen öffentlichen Gebäude wie die Kirchen und Kaufmannshäuser, die in erstaunlichem Umfang überlebt haben, trotz der Verwüstungen durch Feuer und Krieg in den darauffolgenden Jahrhunderten. Tallinns Altstadt zählt zu den besterhaltenen mittelalterlichen Städten Europas.


Tallinn: UNESCO-Stadt der Musik

Im Jahr 2022 erhält Tallinn den UNESCO-Titel „Stadt der Musik". Damit ist die Hauptstadt Estlands eine von 49 neuen Städten, die zum Mitglied des UNESCO-Netzwerks der kreativen Städte ernannt wurden.

Tallinn ist das größte Zentrum der Musikkultur in Estland, in dem Gesangs- und Tanzfestivals sowie große internationale Festivals und Konzerte stattfinden. Das bekannteste Beispiel für die reiche Musikgeschichte der Stadt ist das 1869 ins Leben gerufene Estnische Sänger- und Tanzfest (Laulupidu), das alle fünf Jahre auf dem eigens gebauten Tallinner Sängerfeld stattfindet (weiter unten in diesem Beitrag auch nochmals separat gewürdigt, denn es steht als traditionelles Fest ebenfalls auf der UNESCO-Liste!).

Bekannt ist diese regelmäßige große Festival aufgrund seiner historischen Bedeutung für Estland und die Esten: 1988, kam es auf dem Tallinner Sängerfeld zu abendlichen Massendemonstrationen, die als Beginn der so genannten „Singenden Revolution" gelten, die wesentlich zur Unabhängigkeit Estlands und seiner beiden baltischen Nachbarn von der Sowjetunion beitrug.

Die Tallinn Music Week (Tallinner Musikwoche) ist ein weiteres regelmäßig stattfindendes musikalisches Großereignis, das in Estlands Hauptstadt Wurzeln geschlagen hat.


Estnisches Sänger- und Tanzfest

Alle fünf Jahre und mit tausenden Chorsängern und Tänzern in farbenprächtigen Nationalkostümen veranstaltet, nahm dieses lebhafte Festival unter freiem Himmel seinen Anfang im Jahr 1869, am Beginn der estnischen Nationalbewegung. Während das erste Liederfest in Tartu stattfand (1869), führten das wachsende Interesse und die große Popularität dazu, dass bald ein eigener Veranstaltungsort für das Festival notwendig wurde.

Seit 1928 ist das Sängerfeld, inmitten von malerischen Kiefernwäldern an der Küste Tallinns, die Heimat für das sehr beliebte Festival.

Tanzveranstaltungen sind eine neuere Tradition aus dem Jahr 1934 und heute gehören für das moderne Publikum beide Traditionen untrennbar zusammen.


Die Einbaum-Boote des Soomaa Nationalparks

Foto: Aivar Ruukel, Visit Estonia

Der Einbaum von Soomaa ist ein einheimisches estnisches und finno-ugrisches Kulturerbe, das sich in den traditionellen Bautechniken des Einbaums sowie in seiner vielfältigen Nutzung, unter anderem als Alltagsfahrzeug bei den jährlichen Überschwemmungen im Nationalpark Soomaa, widerspiegelt. Heute bildet Soomaa die westliche Grenze des eurasischen Einsatzgebietes des Einbaums.

Auch wenn die Einbaumkultur in Soomaa dank der fünf Einbaummeister und der unterstützenden Gemeinde Soomaa derzeit recht lebensfähig ist, erfordert das längerfristige Überleben der Einbaumkultur in Soomaa weitere Anstrengungen und Schutzmaßnahmen.

Seit Dezember 2021 stehen Herstellung und Betrieb der Soomaa-Einbäume auf der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO.

Nach den Worten von Aivar Ruukel, dem vermutlich bekanntesten Einbaum-Baumeister und -Kapitän Estlands, bestand das Hauptziel des UNESCO-Antrags darin, Nachwuchs zu akquirieren: "Unsere größte Hoffnung ist es, bei jungen Männern – aber warum nicht auch bei jungen Frauen! –, das Interesse am Einbaumbau zu wecken. Wenn wir nach 20 Jahren einige junge und tatkräftige Einbaumeister haben, dann haben wir unser Ziel erreicht."


Seto Gesangstradition

Seto Leelo nimmt Sie mit auf eine Reise in die jahrhundertealte Vergangenheit, an einen uralten Ort irgendwo auf dem Land. Für die Setos ist Singen natürlich und ein alltäglicher Brauch. Es ist eine Art, um Gedanken und Gefühle auszudrücken, um Erinnerungen zu bewahren und an zukünftige Generationen weiterzugeben.

Die Gesangstradition von Setomaa wird von älteren und jüngeren Generationen bewahrt und gut gepflegt. Die berühmtesten lokalen Sänger im Verlauf der Geschichte waren in der Lage, bis zu 20.000 Verse zu rezitieren, und sie tragen die Auszeichnung „Seto Mutter der Lieder".


Der traditionelle Lebensstil der Kihnu-Insulaner

Vor der Westküste Estlands gelegen, ist die Insel Kihnu Heimat für rund 600 Inselbewohner. Die Insel unterhält bis heute enge Verbindungen zu ihren traditionellen Wurzeln, die bis heute lebendig erhalten und gepflegt werden.

Mit traditionellen Webstühlen und heimischer Wolle weben und stricken die Frauen Handschuhe, Strümpfe, Röcke und Blusen, die meist durch strahlende Farben, lebhafte Streifenmuster und aufwendige Stickereien charakterisiert sind. Die Hochzeitszeremonie auf Kihnu hat vorchristliche Wurzeln und dauert drei Tage.


Võrumaa Rauchsauna

Die Rauchsauna-Tradition ist ein wichtiger Teil des Alltagslebens in Võrumaa, der südlichsten Gemeinde Estlands. Sie umfasst eine reiche Sammlung alter Bräuche, zu denen die tatsächlichen Gepflogenheiten beim Baden, die Kunst, Saunaquaste herzustellen, der Bau und die Reparatur von Saunen und das Räuchern von Fleischwaren in der Sauna gehören.

Die Sauna ist ein Gebäude oder ein Raum, der mit einem Ofen beheizt wird, auf dem Steine liegen. In der Sauna befindet sich eine erhöhte Plattform zum Liegen oder Sitzen. Es gibt keinen Schornstein und der Rauch des brennenden Holzes zirkuliert im Raum. Die Rauchsauna-Tradition ist vorrangig eine Familientradition und wird gewöhnlich samstags durchgeführt, aber auch vor großen Festen oder Familientagen, um Körper und Geist zu entspannen.


UNESCO Inseln

Schon im Jahr 1990 nahm die UNESCO die westestnischen Inseln als Gebiet in ihr Programm „Mensch und Biosphäre" auf. Zum Erhalt der unikalen, unberührten und vielfältigen Natur haben das Wissen und die Fähigkeiten der ansässigen Menschen zum Leben im Einklang mit der Natur beigetragen.

Hier eröffnen sich hervorragende Möglichkeiten für Erfahrungen sowohl auf dem Meer, im Wald als auch an Land. Auch der Kosmos hat diese (besonderen) Inseln berührt. Der vor 455 Millionen Jahren auf Hiiumaa (Dagö) entstandene Meteoritenkrater von Kärdla, mit einem Durchmesser von 4 km, erinnert heute noch mit dem gesunden artesischen Wasser daran. Viel jünger und kleiner ist der Krater von Kaali auf der Insel Saaremaa (Ösel). Dort ist das geographische Zentrum des Geoparks der Inseln, der auch die Neugier für Gestein der Anspruchsvollsten zufriedenstellt.

Das traditionelle, lokale und organische Essen der (westestnischen) Inseln hat den Grundstein für die Foodfestivals gelegt, die für ihre reichhaltige Auswahl und spannenden Aromen berühmt sind. Faszinierend sind die Kunst und die besondere Handarbeit der Inseln, deren Schöpfung von der hiesigen Umgebung inspiriert ist und niemanden unberührt lässt.


Der Struve-Bogen

Am 15. Juli 2005 wurde der Bogen, der unter Leitung des Astronomen der Universität Tartu, F. G. W. Struve für die Vermessung der Form und der Größe der Erde in den Jahren 1816–1855 gegründet wurde, in das Unesco Welterbe aufgenommen. Der Struve-Bogen ist ein langgestrecktes Netz geodätischer Vermessungspunkte, er hat etwa den Verlauf eines Meridianbogens, ist fast 2820 km lang und reicht vom Norden Norwegens bis zum Schwarzen Meer. 

Von ursprünglichen Vermessungspunkten sind bekannterweise 34 erhalten geblieben, drei von ihnen befinden sich in Estland.

In Tartu hat man das Gebäude der Sternwarte zum Objekt des UNESCO Welterbes ernannt. Eine Gedenktafel, die den Standort des Bogens bezeichnet, befindet sich draußen, neben der Sternwarte.


Die UNESCO-Literaturstadt Tartu

Am Ende des Jahres 2015 wurde Tartu ins Netzwerk der UNESCO-Kreativstädte aufgenommen und bekam den Titel „Internationale Literaturstadt". Das im Jahr 2004 gegründete Kreativstadt-Netzwerk beinhaltet auch andere Bereiche: Kinostädte, Gastronomiestädte, Musikstädte, usw., insgesamt sieben Kategorien.

Als drei internationale Initiativ-Ideen hat die Stadt Tartu literarische Projekte (als Pilotprojekt Bus-Poesie in den Stadtbussen von Tartu), Zusammenarbeit von Studenten auf dem Gebiet des Übersetzens, um Autoren der Partnerstaaten vorzustellen, und ein die Randgebiete der Städte vorstellendes literarisches Nicht-Stadt-Projekt, dessen Zielgruppe vor allem die Schöpfer der Texte und nicht-traditionelle Erlebnisse suchende Ortsansässige und Touristen sind, vorgeschlagen.

Im Jahr 2024 ist Tartu übrigens europäische Kulturhauptstadt!


Die Kreativstadt Viljandi

Seit dem Jahr 2019 zählt die hübsche Stadt Viljandi zu den UNESCO Kreativ-Städten dieses Planeten. Diese Kreativ-Städte wertet die UNESCO als "Laboratorien für Ideen und innovative Praktiken". Durch innovatives Denken und Handeln leisteten sie einen "greifbaren Beitrag" zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Die ausgewählten Städte zeichnen sich durch unterschiedliche Kunstformen aus – Viljandis Spezialität sind laut UNESCO-Erklärung Handwerk und Volkskunst. Die südestnische Stadt ist bekannt für ihr jährliches Folk Music Festival, das seit 1993 stattfindet und jedes Jahr rund 25.000 Besucher anzieht.

Die Stadt beherbergt auch die Kulturakademie Viljandi der Universität Tartu, die unter anderem estnisches Kunsthandwerk lehrt. Ugala, das Theater von Viljandi, feierte 2020 sein 100-jähriges Bestehen.

Die Kreativstädte "arbeiten auf eine gemeinsame Mission hin: Kreativität und Kreativwirtschaft in den Mittelpunkt ihrer Stadtentwicklungspläne zu stellen, um die Städte im Einklang mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen sicher, widerstandsfähig, integrativ und nachhaltig zu machen", so die UNESCO.




Fotos im Beitrag unter anderem von Kaspar Orasmäe, Jaak Nilson, Marek Metslaid.


Zuletzt aktualisiert: 07.01.2022

Thema: Geschichte & Kultur

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