Der südestnische Sprach- und Kulturraum Mulgimaa und seine Bewohner

Quelle: Jaanus Ree, Visit Estonia

Der südestnische Sprach- und Kulturraum Mulgimaa und seine Bewohner

Mulgimaa ist ein Gebiet im Süden Estlands, das in erster Linie durch einen eigenen Dialekt charakterisiert wird. Bei näherer Betrachtung offenbart sich jedoch viel mehr: ein reiches kulturelles Leben, eine spannende Geschichte und eine starke gemeinsame  Identität der Mulgid, wie die Bewohner der Region auf Estnisch heißen. Der Hauport Mulgimaas ist 2021 finno-ugrische Kulturhauptstadt des Jahres.


Der Süden Estlands ist ein herrlich bunter Flickenteppich aus verschiedenen Sprachen, Dialekten, kulturellen Traditionen, Volkstrachten, Gebräuchen und kulinarischen Entdeckungen. In Setomaa und Võrumaa wird nach Auffassung einiger Linguisten eine jeweils eigene Sprache gesprochen (Seto wurde sogar in den UNESCO-Atlas der gefährdeten Sprachen der Welt aufgenommen), das altgläubige Prydzha hat ganz eigene Traditionen, und in Mulgimaa und Tartu gibt es einen jeweils eigenständigen estnischen Dialekt und einige kulturelle Besonderheiten.

Selbst wenn Sie ein wenig Estnisch sprechen können, wird es immer schwieriger, die jeweils lokale Sprache zu verstehen, je weiter Sie in den Süden des Landes vordringen. Sie sollten es trotzdem tun! Im Jahr 2021 gibt es einen besonders guten Grund, Mulgimaa zu besuchen: Abja Paluoja, der Hauptort der Region, ist derzeit finno-ugrische Kulturhauptstadt.

Mulgimaa ist keine offizielle Verwaltungseinheit, sondern eher eine kulturelle und historische Region. Geografisch gesehen umfasst sie den Kreis Viljandi und den nordwestlichen Teil des Kreises Valga. Der Kern des historischen Mulgimaa, das Gebiet, in dem der Mulgi-Dialekt gesprochen wird, besteht aus den Gemeinden Halliste, Paistu, Karksi, Helme und Tarvastu.


Zur Geschichte der Region

Das Land hier ist das fruchtbarste in Estland, daher waren die hiesigen Bauern stets recht wohlhabend und standen den Gutsherren und Großgrundbesitzern in kaum einer Hinsicht nach. Die Blütezeit von Mulgimaa lag in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der in Amerika ausgebrochene Krieg zwischen Nord- und Südstaaten sorgte in Europa für einen langdauernden Baumwoll-Engpass. Die Mulgid, die Leinen exportierten, konnten diese Lücke füllen und wurden schnell sehr wohlhabend.

Die sanften grünen Hügel Südestlands

Foto: Sven Zacek, Visit Estonia

Damals waren die örtlichen Landwirte die ersten in Estland, die die von ihnen bewirtschafteten Höfe kauften. Viele Familien waren in der Lage, ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Die Mulgid gehörten zu den ersten Esten, die in die Reihen der Intelligenzja aufstiegen, Macht erlangten und die estnische Kultur aktiv prägten. 

Woher weiß man nun, wo das Land der Mulgid beginnt, wenn es keine administrativen Grenzen auf der Karte gibt? Sobald Sie Mulgimaa erreichen, werden Ihnen Holzskulpturen mit traditioneller Kleidung auffallen: ein schwarzer Kaftan mit roter Borte.


Eigene Sprache, Volkstracht und Flagge

Volkstracht und Flagge der Mulgid

Foto: Ave Grenberg, Mulgi kulturinstitut

Wer die Kultur der Mulgid kennen lernen will, sollte am besten zunächst in die diesjährige finno-ugrische Kulturhauptstadt fahren. Abja Paluoja ist das Zentrum des historischen Mulgimaa; hier wird auch der charakteristische Dialekt gesprochen.

Der Mulgi-Dialekt ist historisch viel älter als die klassische estnische Sprache. Mulgi gilt als die einfachste der südestnischen Sprachen. Laut der Volkszählung 2011 wird Mulgi von 9.698 Menschen gesprochen. Es gibt ein mulga-estnisches Wörterbuch, das vom Estnischen Sprachinstitut herausgegeben wird.

Mulgimaa hat seine eigene offizielle Flagge. Die blaue Farbe der Flagge symbolisiert blühende Flachsfelder, der schwarze Streifen und das rote Muster erinnern an die traditionellen Männerkaftane der Region, und die fünf Knoten stehen für die Anzahl der Mulgimaa-Gemeinden. 


Museen

Das Heimtal-Museum 

Foto: Mulgi Kultuuri Instituut

Das Heimtali-Museum gehört organisatorisch zum Estnischen Nationalmuseum und befindet sich im gleichnamigen Dorf Heimtali. Die Dauerausstellung wird von Anu Raud, einer der bekanntesten Textilkünstlerinnen Estlands, kuratiert und gestaltet. Das Museum ist in einem alten Dorfschulhaus aus dem Jahr 1864 untergebracht. Besucher begeben sich auf eine Zeitreise durch mehrere Generationen. Die nationale Sammlung von Textilien und die Bibliothek für Volkskunst, lokale Kultur und Kunst sind wirklich großartig.

Zwei weitere Museen befassen sich mit der Region Mulgimaa: Das Mulgi-Dorfmuseum und das Tuglas-Museum in Ahja.


Kulinarische Besonderheiten

Das berühmte Kamamehl wurde zuerst in Mulgimaa verwendet

Foto: Näljane Nelik, Visit Estonia

Das traditionelle estnische Weihnachtsessen Mulgikapsad – geschmortes Sauerkraut mit Grütze und Schweinefleisch – stammt aus Mulgimaa. Das Gericht ist sehr nahrhaft und gab viel Energie für die Arbeit auf den Feldern.

Kama ist ein Mehl, das aus einer Mischung von zuvor geröstetem Roggen, Hafer, Gerste, Erbsen und Bohnen hergestellt wird. In der Regel besteht er aus den Resten, die nach den langen Wintern übrig bleiben. Heute findet man in den Regalen der Geschäfte und in Restaurants süße Kama-Kuchen, gesunde Joghurts, Quark, Milch und Schlagsahne mit Kama. Und sogar Schokolade! Ursprünglich kommt diese estnische Spezialität aus Mulgimaa.


Erkunden Sie die Region


Der Wanderweg von Õisu

Sandsteinvorkommen gibt es nicht nur in Taevaskoja. Auch in Mulgimaa gibt es einen schönen Wanderweg, der in der Nähe des Gutshofs Õisu beginnt und teilweise am Hang der Schlucht entlang verläuft, mit Blick auf die Stromschnellen des Vidva-Bachs. Der zweite Teil des Weges verläuft auf einer bewaldeten, niedrigeren Ebene entlang des gegenüberliegenden Bachufers, von wo aus Sie die imposanten Wände der Sandsteinfelsen sehen können, die sich an den Hängen auftun. Insgesamt ist der Õisu-Wanderweg etwa 2,6 Kilometer lang.


Das Karksi-Tal und die Peterskirche

Der Blick über die Karksi-Hügel ist wunderschön

Foto: Marnek Tugevus, Visit Estonia

Das Karksi-Tal ist ein malerischer Ort, und wenn Sie die kurvenreiche Straße hinunterfahren, können Sie den Festungshügel Karksi, oder Kantsimägi, auf der anderen Seite des Linnaveski-Stausees sehen. Es wird vermutet, dass der von der Natur gut geschützte Hügel vor den Eroberungen der Kreuzritter der Standort einer estnischen Festung war.

Die Peterskirche von Karksi beschenkt Estland mit einem eigenen Pisa-Turm. Der KIrchturm der barocken Kirche neigt sich mehr als einen Meter nach Westen.


Die Ruinen der Ordensburg Helme

Die majestätischen Ruinen der Burg des Helme-Ordens stehen auf einem steilen Hügel an der Straße von Pärnu nach Valga. Die alte Festung, die wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gebaut wurde, hat teilweise ihre hohen Steinmauern mit Fensteröffnungen erhalten. Die Legende besagt, dass ein unschuldiges Mädchen dort eingemauert wurde, um die Burg zu befestigen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Festung von Deutschen, Russen, Litauern und Schweden beherrscht, die sie im Jahre 1658 zerstörten. Dort befinden sich auch die Höhlen von Helme.


Der "Mulgi-Leuchtturm"

An der Spitze des Schornsteins der ehemaligen Molkerei von Tarvastu im Dorf Mustla weht die estnische Flagge in einer Höhe von 28 Metern. Damit ist sie nach dem Langen Hermann und dem Aussichtsturm Suure Munamäe die dritte blau-schwarz-weiße Flagge, die in Estland so hoch weht. Die Einheimischen nennen den architektonisch und milieubedeutenden Turm liebevoll "Mulgi-Leuchtturm".


Der Vanamõisa-See

Hier gibt es den höchsten Sprungturm im Land

Foto: Raul Veine, Visit Estonia

Der Vanamõisa-See in Tõrva ist ein beliebtes Sommerziel für Einheimische und Besucher gleichermaßen. Der See umfasst eine Fläche von etwa 2 Hektar und hat eine Tiefe von 10,5 Metern. Im See befindet sich der höchste Sprungturm Estlands (ca. 11 m). Neben dem Sandstrand gibt es auch Promenaden, Brücken, ein Volleyballfeld und Schaukeln für Kinder.


Die Stadt Tõrva

Tõrva ist eine der schönsten Kleinstädte Estlands. Ihr ganzer Stolz ist der moderne zentrale Platz, der sich durch Fußgängerfreundlichkeit und eine Vielzahl von Freizeiteinrichtungen auszeichnet. Der Platz, der von 2.000 Bäumen und Sträuchern gesäumt ist, erstreckt sich über fast 13.000 Quadratmeter und ist ein großartiger Ort zum Flanieren und Genießen der Schönheit der umliegenden Landschaft und des Veskijärvi-Sees.


Barclay de Tolly-Mausoleum

Ein paar Kilometer von Tõrva entfernt, in Richtung Valga, befindet sich die letzte Ruhestätte einer der wichtigsten Figuren der Militärgeschichte und des Mannes, der Napoleon besiegte: Barclay de Tolly. In diesem prominenten Mausoleum in Jõgeveste ruhen de Tolly und seine Frau.


Das Schloss Taagepera

Das hübsche Jugenstil-Schloss im Abendlicht

Foto: Schloss Taagepera

Einer der reizvollsten Orte in Mulgimaa ist das Schloss Taagepera. Eleganz und Rustikalität, Geschichte und Moderne verflechten sich hier. Das mächtige Schloss im Jugendstil wurde vor über einem Jahrhundert von Baron Hugo von Strick erbaut. Der renovierte Schlosskomplex ist ein einzigartiges, stimmungsvolles Areal, bestehend aus einem À-la-carte-Restaurant, dem luxuriösen Wagenküll-SPA und einem Hotel im Stil der 1930er Jahre. Die gediegene, luxuriöse und doch familiäre Atmosphäre im Schloss ist herrlich entspannend.


Abja Paluoja ist finnisch-ugrische Kulturhauptstadt 2021

Im Jahr 2021 trägt der Hauport der Region – die Stadt Abja Paluoja – den Titel der finno-ugrischen Kulturhauptstadt. Das ganze Jahr über finden spannende kulturelle Veranstaltungen statt, die Mulgimaa bekannt machen möchten. Sie dienen auch dazu, die örtlichen Traditionen zu fördern und das historische Erbe zu erhalten.

Im Festjahr werden die Veranstaltungen in der Region in besonderem Maße zelebriert. Die wichtigsten drei Sommer-Events sind:

22. bis 25. Juli: Tõrva Feuertage

Sommerfeiertage, gefüllt mit einer Vielzahl von Sport-, Kultur- und Unterhaltungsaktivitäten. Die Veranstaltung endet am Abend des 25. Juli mit einem großen und beeindruckenden Lagerfeuer.

31. Juli: 6. große Mulgi-Party "Mia ja sia ütenkuun"

Ein Gesangs- und Tanzfestival, das die Bräuche und Traditionen von Mulgimaa vorstellt. Das Volksfest findet im Gutshof und Park Karksi statt, wo Sie auch das Dorfmuseum Karksi besuchen können.

28. August: Lebensmittel- und Handwerksmesse

Die Stadt Abia Paluoya lädt Sie zu einer Lebensmittel- und Handwerksmesse ein, auf der Sie lokale Köstlichkeiten probieren und lokales Kunsthandwerk kaufen können.

Das vollständige Programm und weitere Informationen finden Sie auf der offiziellen Mulgimaa-Website oder auf der Facebookseite der Kulturhauptstadt 2021.


Süd-Estland ist immer eine Reise wert. Die Landschaft mit ihren sanften grünen Hügel ist bezaubernd – und die verschiedenen in der Region gelebten Kulturen und die Menschen sind es auch.


Zuletzt aktualisiert: 12.05.2021

Thema: Südestland, Geschichte & Kultur