Die Sache mit den Sauna-Quirlen

Quelle: Adam Rang

Die Sache mit den Sauna-Quirlen

Autor:

Adam Rang /Estonian Saunas

Die estnische Saunakultur ist eine Geschichte für sich, mit deren Erzählung man ganze Bücher füllen könnte. Hier geht es um nur ein Kapitel daraus – allerdings um ein besonders bizarres und also spannendes. Denn seit Urzeiten schlagen Esten in der Sauna mit gebündelten Zweigen aufeinander ein. Und sie lieben es. Der in Estland lebende Sauna-Fan Adam Rang ist der Sache auf den Grund gegangen.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mich Esten in der Sauna gefragt haben, wie das Ding hier auf Englisch heißt:

Das ist ein Sauna-Quirl

Erst mit diesen Bündeln aus blattbehangenen Zweigen wird der Saunagang ein authentisch estnisches Erlebnis.

Foto: Adam Rang

Wie viele andere Nordeuropäer benutzen die Esten gebündelte Zweige, um sich (und andere) während des Saunagangs zu schlagen.

Gerüchteweise habe ich gehört, dass die korrekte englische Bezeichnung für diese Bündel „whisk" (deutsch: "Quirl") laute – allerdings bislang nie von einem englischen Muttersprachler.

Die Wirklichkeit sieht nämlich so aus: So gut wie alle englischsprachigen Menschen dieser Welt wären höchst alarmiert, wenn man ihnen vorschlüge sich auszuziehen, zu schwitzen und dann mit diesen Zweigen aufeinander einzuhauen – ganz gleich, welches Wort man dafür benutzt.

Die Saunakultur hat sich inzwischen auf der ganzen Welt verbreitet. Uralte Traditionen wie diese estnische allerdings haben es schwer, denn Fitness-Studio- und SPA-Betreiber setzen eher auf eine saubere und langweilige Form des Saunierens. Mancherorts ist es ja nicht einmal mehr erlaubt, Wasser auf die heißen Steine zu gießen. Dort dann mit einem Stück Wald aufzutauchen, würde wohl eher weniger gut ankommen.

Der estnische Name für die Bündel lautet viht (oder vihad im Plural). Ihre Verwendung wurde erstmals im 13. Jahrhundert schriftlich erwähnt (da schrieb man noch „wicht"). Es wird allerdings angenommen, dass die Tradition noch viel weiter zurückreicht – bis in die Zeit heidnischer Rituale der ersten Saunagänger überhaupt.

Es gibt vergleichsweise wenig wissenschaftliche Forschung zur Frage des Nutzens dieser Praxis, aber das war auch für den grundsätzlichen Nutzen des Saunaganges lange Zeit der Fall. Erst ganz allmählich beginnen wir zu verstehen, warum unsere Vorfahren gut daran taten, seit Tausenden von Jahren in kleinen Hütten vor sich hinzuschwitzen. Also, wer weiß: Möglicherweise ist ja auch an dieser Quirl-Praxis mehr dran, als man derzeit vermutet.

Fans der Methodik behaupten, dass die Tradition den Kreislauf anregt, die Haut reinigt und Schmerzen in der Muskulatur lindert – ganz ähnlich einer Massage. Was die Quirle aber in jedem Fall tun, wenn ihr damit herumfuchtelt: Sie erfüllen die Luft mit einem wunderbaren natürlichen Aroma und steigern eure Körpertemperatur während des kleinen Workouts. Man kann sie auch verwenden, um die heiße Luft im Raum und über dem Körper zu verteilen. Kein Handtuch schafft das so gut.

Hoffentlich wird „whisk" (deutsch: "Quirl") ein zunehmend gebräuchliches Wort, je mehr Menschen Freude an authentischeren Sauna-Erlebnissen entwickeln. Natürlich kann man auch die estnischen Fachbegriffe verwenden – insbesondere, wenn man zusammen mit Esten eine Sauna besucht.

Bedenkt aber bitte, dass in der estnischen Sprache jeder Buchstabe tatsächlich gesprochen wird, so dass viht ein bisschen wie das deutsche „Wicht" klingen sollte und nicht etwa wie „Wit". Letzteres ist nämlich ein ganz anderes Wort und es könnte zu peinlichen Situationen führen, wenn ihr es gegenüber Esten bei eurem Saunagang verwendet. Glaubt mir.


Sauna-Quirle in 6 Schritten selbst herstellen

Um in Estland an Sauna-Quirle zu kommen, gibt es einen herausfordernden und einen leichten Weg.

Ihr könnt eine bestimmte Jahreszeit abpassen, euch tief in die estnischen Wälder schlagen und die Dinger selbst herstellen ... – oder ihr kauft einfach einen für ein paar Euro in jedem beliebigen Supermarkt. In Tallinn, bei mir um die Ecke, gibt es sogar einen rund um die Uhr geöffneten Tankstellen-Shop, der solche Quirle immer vorrätig hat, was ihm bei Grundnahrungsmitteln – wie z.B. Milch – eher selten gelingt.

Aber ganz gleich, ob ihr euren Quirl nun kauft oder ihn selbst herstellt: In jedem Fall solltet ihr die Arbeit, die in jedem einzelnen von ihnen steckt, wertschätzen, denn ihr werdet euch ausgiebig damit schlagen.

Hier ist unsere 6-Schritte-Anleitung. Grundlage ist unsere eigene Erfahrung mit der Herstellung am vergangenen Wochenende.


Schritt 1: Geh in den Wald, wenn die Blätter reif sind

Ab in den Wald

Der Zeitpunkt der Materialsammlung ist alles andere als unwichtig. 

Foto: Adam Rang

Die beste Zeit, um einen Viht herzustellen, ist Jaanipäev (der Mittsommer). Ihr müsst die Zweige nach dem Frühjahr sammeln, wenn die Blätter noch frisch sind; andererseits müssen sie aber bereits lang genug sein, um ihr biologisches Erwachsenenalter erreicht zu haben. Manchmal wird dazu geraten, die Quirl-Zweige bei zunehmendem Mond zu sammeln, obgleich es dafür keinen unmittelbar einleuchtenden Grund gibt.

Die ideale Sammelzeit schwankt von Jahr zu Jahr und von Ort zu Ort, abhängig vom Wetter und anderen lokalen Gegebenheiten. Wenn euch Zweifel überkommen, sprecht mit anderen örtlichen Quirl-Herstellern.

In unserem Fall haben wir Annis Großmutter um Rat gefragt. Und erst, als sie sagte, jetzt sei die rechte Zeit, haben wir eine Reise zu ihrem Wald in Viljandimaa unternommen.

Außerdem haben wir noch Eda Veeroja konsultiert, Estlands weiseste Saunameisterin und Betreiberin der Mooksa Farm in Võrumaa. Sie riet uns dringend, nach Lindenzweigen Ausschau zu halten, da die Linde zu dieser Zeit gerade blüht. Es werde uns im tiefen Winter eine großartige Sommerstimmung vermitteln, wenn wir diese Zweige in unseren Quirl einbauten.

Wenn ihr nicht die Möglichkeit habt, euren Sauna-Quirl in einem privaten Wald zusammenzusammeln, könnt ihr das auch in einem öffentlichen Wald tun. Ich habe eine estnische Rechtsanwältin gefragt und sie sagte, es sei völlig legal, Zweige abzuschneiden und aufzusammeln, so lange man den Wald respektiere und den Bäumen keinen Schaden zufüge.

Ja, selbst Juristen reden in Estland so.


Schritt 2: Sammle dein Material umsichtig

Qualität zählt

Man achte auf gerade Zweige, üppiges Blattwerk und die Aromatik des Materials.

Foto: Adam Rang

Die meisten Quirle werden in Estland aus Birke gemacht, dicht gefolgt von Eiche und Wacholder.

Ihr könnt aber eigentlich alle Zweige sämtlicher Bäume und anderer Pflanzen verwenden, wenn sie nicht giftig oder zu dornig sind. Jede Blattart hat ihre eigenen spezifischen Qualitäten und man kann mehrere in einem Quirl kombinieren. Wacholder ist zwar etwas stachelig, eignet sich aber trotzdem wunderbar für den Zweck.

Kürzlich haben wir an einem Quirl-Workshop mit Birutė Lenktytė teilgenommen, eine der besten Saunameisterinnen Litauens. Sie hat uns eine große Vielfalt an Quirl-Zutaten präsentiert, die sie für die Herstellung benutzt. Bei den Bäumen setzt sie auf Roteiche, Ahorn, Linde, Traubenkirsche, Haselnuss, Eberesche, Zitterpappel und Tanne. Bei den Kräutern auf Wermut, Beifuß, Johanniskraut, Mädesüß, Kamille, Minze und – für die ganz Tapferen – Brennnesseln.

Solltet ihr einmal Litauen besuchen, könnt ihr Biruté kontaktieren, um mehr über die litauische Saunakultur (pirtis) zu erfahren.

Aber zurück zum Sammeln:
Ihr solltet nach besonders geraden Zweigen suchen, die viele Blätter tragen und etwa die Länge eines Arms besitzen. Kürzen könnt ihr sie später immer noch.

Um die Zweige so zu schneiden, dass der Baum nicht verletzt wird, führt ihr mit einer Garten- oder Astschere einen sauberen Schnitt aus, der etwa einen Zentimeter über dem Triebansatz liegt. Wenn ihr mehr von dem Zweig stehen ließet, würdet ihr dafür sorgen, dass der Baum seine Energie verschwendet, weil er versuchen wird, einen toten Zweig zu retten. Ihr solltet auch nicht zu viele Zweige von einem einzelnen Baum schneiden und auf gar keinen Fall jemals die Baumspitze entwenden.

Wichtig: Baumschonender Schnitt

Nicht zu viele Zweige von einem Baum schneiden und den Schnitt in der richtigen Höhe ansetzen.

Foto: Adam Rang

Estland besteht zu mehr als 50% aus Wald. Es ist eigentlich trotzdem schwierig sich hier zu verlaufen, weil du in jeder Ecke dieses Waldes eine 4G Internetverbindung hast. Wir haben unseren Weg zurück in die Zivilisation schließlich anhand unserer eigenen Spur aus Birkenzweigbündeln gefunden, die wir am Wegesrand aufgeschichtet hatten. 


Schritt 3: Lege eine Sauna-Pause ein

Dieser Schritt ist zwar optional, aber immer empfehlenswert.

An jenem Punkt unserer Unternehmung wurden wir schon lange von Stechmücken attackiert und kämpften mit roten Ameisen, die aus den Birkenzweigen, die wir trugen, auf unsere Körper geklettert waren. Die erste schlagende Anwendung unserer Zweige diente somit der Vertreibung dieser Viecher.

Krabbeltier-Attacke

Esten setzen auf unkonventionelle Naturheilmittel. Was immer hilft: Wasser und --- Sauna.

Foto: Adam Rang

Anni meinte, die beste Medizin, um Insektenstiche zu behandeln, sei der Sprung in kaltes Wasser. Ich bin einmal mehr unsicher, ob das wissenschaftlich haltbar ist, aber Esten verfügen über jede Menge unorthodoxer natürlicher Heilmittel und für gewöhnlich scheinen sie ganz gut zu funktionieren.

Glücklicherweise stießen wir mitten im Wald auf einen See. Und der befand sich zufälligerweise direkt neben einer Sauna.


Schritt 4: Binde die Bündel

Wir luden unsere Ausbeute in den Kofferraum unseres Wagens und fuhren zurück in unser Waldstädtchen Nõmme, wo wir einen sehr kleinen Talgud ins Leben riefen.

„Talgud" nennt sich eine estnische Gemeinschaftstradition, bei der Freunde, Verwandte und Nachbarn eingeladen werden, um bei handwerklichen Arbeiten zu helfen, die für einen einzelnen Haushalt zu umfangreich wären. Als Gegenleistung werden Essen und Trinken (und Saunagänge) spendiert.

Wie ihr sehen könnt, war selbst unsere Katze Laima ganz wild darauf uns zu helfen:

Talgud mit Katze

Die Zweige für den Sauna-Quirl werden nach Länge und Qualität sortiert.

Foto: Adam Rang

Ein Quirl in Standardgröße ist 45 bis 50 Zentimeter lang. Seine Gesamtlänge sollte grundsätzlich die eines Armes sein, während der Griff eine Faustlänge misst. Es ist auch durchaus möglich, verschiedene Quirl-Typen je nach den persönlichen Anforderungen herzustellen, zum Beispiel kleinere Kinder-Quirle oder solche mit extra-langem Griff.

Wir hatten uns dazu entschlossen große und kleine Quirle zu fabrizieren und begannen nun also, drei Stapel zu bilden: große Zweige, kleine Zweige und aussortierte Zweige. Jeden Zweig haben wir uns einzeln vorgenommen und bearbeitet, so dass wir schließlich nur noch sehr gerade Zweige mit schönem Blattbehang, ohne störende Elemente und mit einem blattlosen, sauberen Schaft hatten. Die Qualität eures gesammelten Materials bestimmt, wie viele Zweige ihr am Ende wegwerfen müsst.

Wenn die Zweige nach Länge und Qualität sortiert sind, kann man beginnen, einzelne Quirle zu fertigen, indem man Zweig um Zweig zu einem Bündel zusammenlegt.

Um die korrekte Kerzenflammenform des Quirls zu erhalten, nimmt man Zweige der gleichen Länge und richtet sie an ihrer oberen Spitze aus, nicht am unteren Ende, das später ohnehin noch beschnitten wird. Etwas schiefere Zweige sollten zur Mitte des Quirles ausgerichtet werden, damit eine stabile Form entsteht. Arbeitet die unteren Enden der Zweige nötigenfalls nochmal nach, indem ihr dort auf einer genügend großen Länge Blätter entfernt, um am Ende einen glatten Griff zu erhalten.

Wenn euer Bündel dick genug ist, bindet ein langes Stück Schnur drei oder vier Mal fest um den Griff – und zwar so nah am Blattansatz wie möglich. Es ist wichtig, dass der Bereich des Griffes keine Blätter mehr aufweist, denn die würden noch vor Gebrauch welken, was wiederum die gewickelte Schnur lockern und zu einem Auseinanderfallen des Quirls führen würde.

Zu guter Letzt nehmt ihr eine Axt oder eine Gartenschere und beschneidet euren Quirl an der Unterseite. Falls ihr die Sauna-Quirle für den späteren Gebrauch übers Jahr trocknen wollt, solltet ihr sie paarweise zusammenbinden, dann kann man sie besser aufhängen. Dafür einfach ein genügend langes Stück Schnur am ersten Quirl-Griff lassen, bevor ihr die Schnur abschneidet und damit einen zweiten Quirl zusammenbinden. Mindestens einen könnt ihr aber schon mal für Schritt 6 beiseitelegen.

Lasst eure Zweige während der gesamten Prozedur nicht zu lange in der Sonne liegen, sonst welken die Blätter noch bevor ihr eure Quirle fertig habt.

Wie Eda von der Mooksa-Farm es vorgeschlagen hat, haben wir einen der Quirle mit Lindenzweigen ausgestattet:

Der Linden-Quirl

Linde verleiht dem Quirl einen Hauch von Sommer, den man auch im tiefsten Winter spürt

Foto: Adam Rang


Schritt 5: Konserviere die Quirle

Wir benutzen Sauna-Quirle das ganze Jahr hindurch, können sie aber nur einmal im Jahr herstellen, also müssen wir sie für den späteren Gebrauch konservieren. Da gibt es hauptsächlich drei Möglichkeiten: Trocknen, Einfrieren und Salzen.

Wenn ihr genügend Platz in eurer Gefriertruhe habt, dann ist das Einfrieren der in Zeitungspapier eingewickelten Quirle die beste Methode, um sie sich das ganze Jahr über frisch fühlen zu lassen.

Wir haben uns für die einfache Methode des Trocknens entschieden. Vor allem, weil wir den Anblick und den Geruch der von der Decke unseres Saunahauses hängenden Quirle im Mittsommer lieben. Unsere Quirle haben wir in Paaren zusammengebunden, so dass wir sie über die Deckenbalken hängen konnten:

Sauna-Quirle beim Trocknen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Quirle zu konservieren. Wir haben uns fürs Trocknen entschieden.

Foto: Adam Rang

Unser Saunahaus riecht jetzt wunderbar nach Birke. Leider werden wir die Quirle aber irgendwann, nachdem sie vollständig getrocknet sind, in eine Kiste packen müssen, um ihr Aroma bis zur tatsächlichen Anwendung zu erhalten.


Schritt 6: Hau rein!

Der letzte Schritt dieser Anleitung besteht in der Benutzung der selbstgemachten Quirle. (Richtig beobachtet: Zwei der sechs Schritte beschäftigen sich mit Saunagängen.)

Die beste Technik, um eure Quirle für den Gebrauch vorzubereiten, besteht darin, eine Saunawanne mit kaltem Wasser zu füllen und die Quirle darin 1 Stunde komplett bedeckt zu baden. Anschließend nehmt ihr sie mit in die Sauna und taucht sie dort in heißes Wasser; 20 Minuten sollten genügen.

Das beste Saunaerlebnis wird man allerdings mit ganz frischen Quirlen haben. Nehmt jetzt also euren in Schritt 4 beiseitegelegten Sauna-Quirl und probiert ihn direkt aus:

Wenn ihr in eurer Sauna in gepflegtes Schwitzen geraten seid, nehmt den Quirl und schlagt euch damit ausgiebig. Ihr könnt auch andere Leute schlagen (mit deren Erlaubnis, natürlich) – im Sitzen oder im Stehen. Zuerst schüttelt ihr den Quirl über den heißen Steinen aus, damit sich der Raum mit dem Aroma des Waldes füllt. Die Schläge auf den Körper sollten deutlich spürbar, aber nicht wirklich schmerzhaft sein – Letzteres ist nur dann der Fall, wenn ihr die Zweige nicht richtig zusammengebunden habt.

Anschließend werdet ihr euch innerlich und äußerlich großartig fühlen – auch, wenn ihr, wie ich, nach wie vor nicht ganz sicher seid, warum.

Zuletzt aktualisiert: 02.07.2018

Thema: Gesundheit & Wohlbefinden, Natur & Tierwelt

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