"Kamera läuft ... und: Action!" – Estland als Filmland

Quelle: Ville Hyvönen / CC BY-SA 2.0 / https://flic.kr/p/apHexx

"Kamera läuft ... und: Action!" – Estland als Filmland

Die Esten sind Kulturmenschen. Sie lesen viel, sie singen und tanzen und sie lieben den Film. Das kleine Land im europäischen Norden verfügt über eine beachtliche Szene von Filmschaffenden. Und zunehmend rückt es als Location auch für internationale Produktionen in den Blick.


Filmland war Estland schon früh. In der Zeit als Sowjetrepublik wurden hier zahlreiche Filme und Beiträge für das sowjetische Kino produziert. Seit 1991 steht Estland endlich auf eigenen Füßen – sein Filmschaffen hat das eher noch beflügelt.


„Tallinnfilm" – oder: Wie alles begann

Tallinnfilm, die einstige legendäre estnische Filmproduktionsgesellschaft, gibt es bereits seit 1931. Damals wurde sie unter dem Namen „Eesti Kultuurfilm" begründet und produzierte zunächst Nachrichtenbeiträge und Dokumentarstücke für die estnische Wochenschau. Während der anfänglichen sowjetischen und der deutschen Besatzungszeit in den Vierzigerjahren diente sie vor allem der Verbreitung staatlicher Propaganda.

Szene aus dem Film "Viimne reliikvia"

Bild: Estonian Film Institute & Film Archive of the National Archives of Estonia

Seit den 1950er Jahren wurden vermehrt sowjetische Spielfilme produziert, seit 1963 unter dem heutigen Namen Tallinnfilm. Ab 1965 gab es parallel noch eine weitere Produktionsgesellschaft des estnischen Fernsehens, aber das Gros der Filme entstand bei Tallinnfilm. Die beiden größten Kassenschlager dieser Epoche des sowjetischen Films waren die beiden Spielfilme Viimne reliikvia („Die letzte Reliquie") und Kevade („Frühling"); beide kamen 1969 in die Kinos der Sowjetunion.

Szene aus dem Film "Kevade"

Bild: Estonian Film Institute & Film Archive of the National Archives of Estonia

Bis sie sich 1997 unter der neuen Eigentümerin, der Estnischen Filmstiftung, endgültig aus der Filmproduktion zurückzog und sich heute auf Verleih und Restaurierung beschränkt, hatte Tallinnfilm insgesamt 115 Spielfilme und 28 Kurzfilme produziert, außerdem 194 Animationsfilme (128 Puppentrickfilme und 66 Zeichentrickfilme) sowie 504 Dokumentarfilme, 415 populärwissenschaftliche Filme und 1578 Nachrichtenbeiträge.


Ein in Estland gedrehter Meilenstein des Kinos

Stalker, der fünfte Film des gefeierten russischen Regisseurs Andrei Tarkowski, wurde 1978/79 vor allem in Randbezirken und der Umgebung Tallinns gedreht. Dieser Klassiker des sowjetischen Kinos spielt in einer halb dystopischen, halb märchenhaften Science-Fiction-Welt. Insbesondere ein industriell genutzter Bereich des Tallinner Hafens, die Gegend um den Fluss Pirita und der Wasserfall von Jägala (die estnischen Niagara-Fälle) sind die Schauplätze.


Eine estnische Produktion mit internationalem Renommee

"Tõde ja õigus" war für den Oscar nominiert

Bild: Allfilm, Visit Estonia

Im Jahr 2018 wurden 34 estnische Filme produziert, von denen 22 noch im selben Jahr in die estnischen Kinos kamen. Truth and Justice („Tõde ja õigus") wurde erst 2019 fertiggestellt, erlangte dann allerdings internationale Aufmerksamkeit. Der estnische Regisseur Tanel Toom hatte den gleichnamigen fünfbändigen Romanzyklus des estnischen Schriftstellers Anton Hansen Tammsaare verfilmt. Das monumentale Werk wurde zunächst als estnischer Beitrag in der Kategorie „Bester internationaler Film" für den Oscar 2020 nominiert und schaffte es schließlich in die Shortlist der besten zehn Kategoriekandidaten.


Weltweit erfolgreicher Film über einen Esten

Szene aus dem Film "Die Kinder des Fechters". © Allfilm, Visit Estonia

Ein ähnlicher Erfolg war 2015 dem auch in Deutschland bekannten Film Die Kinder des Fechters („Miekkailija") vergönnt, der allerdings keine estnische Produktion war. Der finnische Regisseur Klaus Härö verfilmte die Lebensgeschichte von Endel Nelis, eines estnischen Fechters; es wurde hauptsächlich an Originalschauplätzen in Estlands gedreht. Die Produktion wurde für Oscar und Golden Globe nominiert und erhielt den "Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke". 


Estland als Drehort für internationale Produktionen

Tenet

Seit Christopher Nolan entschieden hatte, einen Teil seines aktuellen Blockbusters Tenet im Sommer 2019 in Estland zu drehen, ist der nördlichste der drei baltischen Staaten auf der internationalen Liste attraktiver Filmschauplätze um einige Meter nach oben gerückt. Wichtige Szenen der millionenschweren Warner Bros-Produktion – ein Action-Thriller, dessen Fertigstellung für den Sommer diesen Jahres angekündigt ist – werden mitten in Tallinn spielen. Dafür wurde in der vergangenen Hauptsaison sogar tageweise die Laagna-Straße, eine der Hauptverkehrsadern im Zentrum, gesperrt.

Firebird

Das Kalter Krieg-Drama Firebird wurde 2019 sogar zu weiten Teilen in Estland gedreht. Der Film, ein Liebesdrama im Milieu der sowjetischen Luftwaffe der Siebzigerjahre, nutzte zur Hälfte Drehorte auf dem Land, für die andere Hälfte fand man in Tallinn mit seinem attraktiven Mix aus mittelalterlicher Architektur und Resten sowjetischer Industrie passende Locations. Auch dieser Film, eine estnisch-amerikanische Koproduktion, wird 2020 fertiggestellt.


Die 5 beliebtesten Film-Locations

Estland als Schauplatz von Filmhandlungen wird international immer beliebter. Das liegt natürlich zum einen an der grandiosen Natur des Landes, die auch zum drehen dokumentarischer Naturfilme einlädt, wie dem 2019 erschienen The Wind Sculpted Land ("Das vom Wind geformte Land"). Zum anderen ist die Hauptstadt Tallinn mit ihrer Mischung aus Tradition, Sowjetgeschichte und Moderne ein attraktiver und vielfältiger Drehort. Und schließlich gibt es im ganzen Land verstreut sowjetisches Industrieerbe, das allmählich zerfällt, wo es nicht saniert und umgenutzt worden ist – herrlich morbide Locations!

Seefestung und ehemaliges Gefängnis Patarei

Foto: Vallo Kruuser, Eesti Ekspress, Visit Estonia

Die Hitliste der beliebten Drehorte wird von Tallinns Altstadt angeführt. Auf Platz 2 liegt das düstere Gefängnis Patarei. Es folgt Haapsalu als beschauliches Bilderbuchstädtchen mit unvergleichlichem Charme und wunderbarer alter (Holz-)Bausubstanz. Auf Platz 4 liegen Schauplätze an der Ostseeküste, denn in Estland hat man lange Strände und felsige Steilküsten – alles, was man braucht also. Die vielen Schlösser, Burgruinen und Herrenhäuser beschließen die Top 5.


Filmfestivals in Estland

Eröffnungszeremonie des PÖFF in Tallinn (2018)

Foto: PÖFF, Visit Estonia

Da die Esten begeisterte Cineasten sind, gibt es übers Jahr im Land einige Filmfestivals. Das größte und international bekannteste ist das PÖFF – das Filmfestival der dunklen Nächte –, das jedes Jahr im November in der Hauptstadt Tallinn stattfindet.

Ebenfalls in Tallinn wird seit bereits sechs Jahren das ursprünglich von finnischen Filmschaffenden initialisierte Dokumentarfilm-Festival DocPoint abgehalten.

Für Naturliebhaber und vor allem natürlich für Naturfilmer gibt es alljährlich das Naturfilmfestival im Nationalpark Matsalu.

In Estlands zweitgrößter Stadt Tartu findet sowohl das Weltfilmfestival für visuelle Kultur statt, das sich auf anthropologische und ethnographische Dokumentarfilme aus allen Teilen der Welt spezialisiert hat, als auch das überaus beliebte Festival der Liebesfilme TARTUFF.

Und im beschaulichen westestnischen Haapsalu versammeln sich einmal im Jahr Genrefans beim Filmfestival für Fantasy- und Horrorfilme HÕFF.


Estnische Filmmusik

Arvo Pärt

Der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand überreicht Arvo Pärt am 2. November 2011 die höchste Auszeichnung Frankreichs, den Orden der Ehrenlegion. Pärt ist außerdem Ehrendoktor zahlreicher internationaler Universitäten und war sieben Mal für einen Grammy nominiert.

Foto: Estnisches Außenministerium, Visit Estonia


Arvo Pärt ist der wohl bekannteste zeitgenössische klassische Komponist. Pärt ist Este, wurde 1935 in Paide geboren und lebt heute in unmittelbarer Nähe zum ihm gewidmeten und 2018 eröffneten Arvo Pärt-Zentrum in Laulasmaa. Der international hoch geehrte Komponist hat die Musik für unzählige Filme und TV-Serien geschrieben oder an Film-Soundtracks mitgewirkt.


Zuletzt aktualisiert: 08.06.2020

Thema: Geschichte & Kultur