Tallinn – eine Stadt voller Musik

Quelle: Kaupo Kikkas, Visit Estonia

Tallinn – eine Stadt voller Musik

Ab 2022 ist Tallinn Mitglied im Kreis der internationalen Kreativstädte – und zwar als UNESCO Stadt der Musik. Das war überfällig, wie ein ausführlicher Blick in die musikalische Geschichte der estnischen Hauptstadt und die Vielfalt des bis heute vor Ort gepflegten musikalischen Lebens zeigt.


Die Hauptstadt Estlands ist schon lange ein Ort voller Musik – und zwar einer mit ganz unterschiedlichen Gesichtern. Denn Tallinns musikalische Identität ist nicht an einen bestimmten Musikstil, ein bestimmtes Konzerthaus oder eine bestimmte Instrumentierung gebunden. Historische Orgeln führen ihr reges Leben in der Hauptstadt am Meer gleichberechtigt neben moderner experimenteller elektronischer Musik; Jazz und Oper gehören hier beide gleichermaßen zum Alltag.

Tallinn ist eine musikalische Stadt

Auch bei Stadtteilfesten – wie hier in Kalamaja – darf Musik nicht fehlen.

Foto: Visit Estonia

Die angenehm überschaubare Größe der Stadt ermutigt Musiker aus verschiedenen Bereichen zur Kooperation, wodurch immer wieder einzigartige Musikereignisse geboren werden. Tallinn ist eine Stadt, die die Kreativität anregt – auch und insbesondere die musikalische.


Ein Blick in die Geschichte

Die kosmopolitische musikalische Identität entwickelte sich bereits in Mittelalter und früher Neuzeit, als Tallinn den Status einer Hansestadt hatte und korrespondiert mit ihrer grundsätzlichen Internationalität und Weltoffenheit. Kulturelle Einflüsse aus anderen Teilen der Welt gelangten schnell hierher. Tallinn war jedoch nicht nur Empfänger solcher Einflüsse, sondern auch ein wichtiger kultureller Impulsgeber für die Region. So wurde bereits 1680 die erste Oper uraufgeführt: Johann Valentin Meders "Die beständige Argenia", die vor Ort komponiert worden war.

Tallinn hat diese ihre Offenheit auch in den schwierigsten Zeiten nicht verloren. Mit der Gründung von St. Petersburg nahm die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung Tallinns zwar deutlich ab und in der Sowjetzeit wurden die meisten kulturellen Verbindungen mit dem Westen gekappt. Trotzdem bewahrte man sich eine innere kosmopolitische Haltung und Sehnsucht. Und Tallinn war während der Zeit hinter dem Eisernen Vorhang der einzige Ort in der gesamten ehemaligen Sowjetunion, an dem finnisches Fernsehen empfangen werden konnte. Das brachte der Stadt den Ruf als sowjetischer Westen („Sovestki zapad") ein, und Menschen aus der ganzen Sowjetunion kamen, um die westlichere Atmosphäre und Lebensweise zu erleben.

An vielen Orten in Tallinn wird klassische Musik gespielt

Foto: Kaupo Kikkas, Visit Estonia

Die Vielfalt Tallinns zeigt sich an verschiedenen Orten, die einen musikalischen Bezug haben. Da ist zum Beispiel das Theater- und Musikmuseum mit seiner einzigartigen Sammlung. Tallinn ist auch reich an Konzertsälen. Es gibt mehrere Konzertsäle in Tallinn, in denen Sinfoniekonzerte stattfinden können. Einer davon ist der große Konzertsaal des Concert and Performing Arts Centre, der von der Estnischen Akademie für Musik und Theater betrieben wird. Dieser Saal ist einer der modernsten und originellsten der Welt, was die eingebaute Technik betrifft.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Kammermusiksäle, von denen sich viele in der historischen Altstadt befinden und die eine einzigartige Atmosphäre haben.

Auch die vielen historischen Kirchen der Stadt werden als Konzertsäle genutzt, von denen einige herausragende Vertreter der Spätgotik im Ostseeraum sind. Historische Schlösser und Herrenhäuser werden ebenfalls als Konzertsäle genutzt, von denen sich einige innerhalb der Stadt und andere in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden.

Schwanensee in der Estnischen Nationaloper

Foto: Visit Estonia

Für die Zukunft plant Tallinn die Erweiterung der Estnischen Nationaloper und die vollständige Modernisierung des Gebäudes im Hinblick auf die eingebaute Technik. Als es errichtet wurde, war dieses Gebäude eines der wichtigsten Denkmäler des estnischen Nationalbewusstseins.


Industrieruinen zu Kreativstätten!

In den letzten Jahrzehnten wurden mehrere historische Industriegebäude und -komplexe zu Kultur- und Musikzentren umfunktioniert, wie z. B. Tallinns ältestes Elektrizitätswerk (das heutige Creative Hub), das 1913 erbaut wurde und jener magische Ort war, an dem Andrei Tarkovski 1977 den Kultfilm "Stalker" drehte.

Im Zusammenhang mit Industriebauten sind jedoch auch die 1870 errichtete Infrastruktur der Baltischen Eisenbahn und die spätere elektrotechnische Fabrik aus der Sowjetzeit zu erwähnen; sie sind heute zu einer einzigartigen kreativen Stadt und einem Ideen-Raum für mehrere kreative Kollektive geworden, den man mittlerweile unter dem Namen Telliskivi Creative City kennt.

Konzert in Telliskivi während der Tallinn Music Week

Foto: Diana Pashkovich, Visit Estonia

Es gibt weitere Beispiele für die Umwandlung von historischer Industriearchitektur in Kulturzentren. Eines davon ist die Noblessner-Gießerei, in der 2015 die gewaltige "Adam's Passion" von Arvo Pärt und Robert Wilson aufgeführt wurde, die später auch das Berliner Konzerthaus erreichte.

Und natürlich wird das bunte Musikleben Tallinns durch zahlreiche Clubs bereichert, von denen sich viele die Aufgabe gestellt haben, den musikalischen Horizont des Publikums zu erweitern. Eesti Rahvusringhääling (der öffentlich-rechtliche estnische Rundfunk) nutzt seine Studios ebenfalls als öffentliche Konzertbühnen. Im Sommer verlagert sich das Musikleben auch aus dem Stadtzentrums heraus und an so exotische Orte wie die Ruinen des historischen Klosters Pirita (Birgitta-Festival) oder auf die kleine Insel Naissaar (Nargen-Festival).


Die Singende Revolution und die Tradition der Sängerfeste

Sängerfest auf dem Sängerfeld in Tallinn

Foto: Lembit Michelson, Visit Estonia

Tallinn ist eine Stadt, die die Menschen durch Musik verbindet. Die "singende Revolution" war eine Kombination aus Volksmusik und Protestbewegung: 1988-1991 fanden in Tallinn eine Reihe von Massendemonstrationen statt, bei denen jeweils Zehntausende Menschen patriotische Lieder sangen und damit ihre Unzufriedenheit, ihre Sehnsucht und ihren Willen kundtaten. Die schiere Masse und das friedliche Mittel des Gesangs trugen maßgeblich dazu bei, die nationale Unabhängigkeit Estlands ohne Opfer und Gewalt wiederherzustellen. Die Esten haben sich gewissermaßen frei gesungen!

Die Tradition der Sängerfeste gehört unumstößlich zur estnischen Kultur – und das nun schon seit 150 Jahren. Regelmäßig finden diese großen Festivals auf dem eigens errichteten Sängerfeld in Tallinn statt. Zehntausende Sänger treffen hier auf noch mehr Zuschauer sowie Chöre und Orchester aus ganz Estland – und inzwischen auch aus anderen Teilen der Welt.


Stadienkonzerte in Pop und Rock

Tallinn war auch schon Zeuge anderer spektakulärer Musikveranstaltungen. In den späten 1980er Jahren, als sich die sowjetische Welt allmählich zu öffnen begann, war eines der wichtigsten Festivals der "Rock Summer", bei dem mehrere Spitzenkünstler wie Blur, Iggy Pop, Bob Geldof, Jethro Tull, Faith No More, Mercury Rev, Public Image Ltd, The Jesus and Mary Chain und viele andere in Tallinn auftraten. Seit den 1990er Jahren hat Tallinn dann Bühnenshows von nie dagewesenem Ausmaß erlebt. Michael Jackson, Metallica, Lady Gaga, Madonna, Tina Turner, Guns'n'Roses und andere finden hier ein großes und begeistertes Publikum.

Ein Trend in Estland: Experimentelle Folkmusic

Foto: ARon Urb, Visit Estonia

Der Internationale Musiktag am 1. Oktober, der jedes Jahr mit Hunderten von Konzerten in der ganzen Stadt begangen wird, nimmt einen wichtigen Platz im kulturellen Leben Tallinns und ganz Estlands ein. Auch in den Kulturmedien wird ausführlich über diesen Tag berichtet, und die wichtigsten Veranstaltungen werden vom Estnischen Rundfunk übertragen.


Jazz Hot-Spot und Festival-Stadt

Tallinn ist seit langem für Jazzmusiker attraktiv – und das war sogar schon während der Sowjetära so, als die Beschäftigung mit Jazzmusik einen gewissen dissidenten Beigeschmack hatte. Der Grund dafür, dass das Tallinner Jazzfestival nach 1967 zunächst lange Zeit nicht mehr stattfand, war das Charles Lloyd Quartett, das auf wundersame Weise aus den USA angereist war und dessen Auftritt einen großen Einfluss auf die einheimischen Musiker und das Publikum hatte. Daraufhin verboten die Behörden das Festival als eine Veranstaltung, die die schädliche Ideologie der westlichen Welt repräsentierte. Heute ist Tallinn für eines der wichtigsten Jazzfestivals in Nordeuropa bekannt: Jazzkaar.

Die alljährliche Tallinn Music Week

Foto: Mart Sepp, Visit Estonia

Darüber hinaus finden in Tallinn die beiden wichtigsten Aufführungsfestivals des estnischen Musiklebens statt: Die Tallinn Music Week und die Estnischen Musiktage, bei denen zeitgenössische estnische Musik und verschiedene führende Künstler vorgestellt werden. Letzteres ist das älteste ununterbrochen stattfindende Festival in Estland, das 2021 sein zweiundvierzigjähriges Bestehen gefeiert hat. Da alle drei Festivals fast zur gleichen Zeit, im März und April, stattfinden, wird Tallinn jedes Frühjahr zu einer echten internationalen Festivalstadt.


Stadt der Komponisten und der neuen Musik

Tallinn war Zeuge der Entstehung mehrerer einzigartiger Musikstile. Während seiner Arbeit in Tallinn entwickelte Arvo Pärt seinen persönlichen Stil (tintinnabuli), der ihn lange Zeit zum weltweit meistgespielten lebenden Komponisten klassischer Musik gemacht hat.

Auch die Renaissance des Runenliedes wurde in Tallinn eingeleitet, vor allem dank des Komponisten Veljo Tormis, der dieser aussterbenden Tradition eine neue Form mit Bezug zur Kunstmusik gab. Heute hat das Runenlied verschiedene Musikstile beeinflusst, von der Klassik bis zu Pop und Rock.

Tallinn ist auch eines der wichtigsten Zentren in der Region, wenn es um die so genannte neue und experimentelle Musik geht.


Stadt der hervorragenden Musikausbildung

Estland ist eines der wenigen Länder der Welt, in denen die musikalische Ausbildung ein obligatorischer Teil der allgemeinen Bildung ist. In Estland wird es als selbstverständlich angesehen, dass jedes Kind singt. Diese erzieherische Besonderheit hat die Sängerfeste erst möglich gemacht, an denen Zehntausende von Amateursängern teilnehmen und deren Repertoire dem eines professionellen Chors oft in nichts nachsteht. In Tallinn wurden an den allgemeinbildenden Schulen experimentelle Musikklassen eingerichtet, in denen innovative musikalische Lehrmethoden angewandt wurden und die die allgemeine Chorkultur in Estland auf ein hohes Niveau gebracht haben.

Musik ist fester Bestandteil der Schulbildung

Foto: Marina Pushkar, Visit Estonia

Doch Tallinn und Estland sind nicht nur Orte mit einer hoch entwickelten Chor- und Gesangskultur. Die Initiative "Jedem Kind sein Instrument" zielt darauf ab, mit Hilfe des Staates und verschiedener Unternehmer alle Musikinstrumente anzuschaffen, die notwendig sind, damit Kinder und Jugendliche das Musizieren nach möglichst individueller Instrumentenwahl erlernen können.

Die professionelle Musikausbildung, deren Flaggschiff die Estnische Akademie für Musik und Theater (EAMT) ist, eine der sechs öffentlichen Hochschulen Estlands, steht auf diesen starken Fundamenten. Aufgrund des hohen Ansehens der estnischen Musik – Estland ist nicht nur die Heimat der Komponisten Arvo Pärt und Veljo Tormis, sondern auch der Dirigenten Paavo und Neeme Järvi – ist ein Studium an der EAMT für viele internationale Studierende attraktiv geworden. Die Studentenzahl ist hier höher als an anderen estnischen Universitäten.

Das Corelli Consort Barock-Ensemlbe. © Corelli Music, Harri Rospu, Visit Estonia


Die EAMT ist als Hochschule innovativ: In den letzten Jahrzehnten wurden hier Alte Musik, Jazzmusik, traditionelle Musik, zeitgenössische Musikinterpretation, Musik- und Kulturmanagement, Interpretationspädagogik und vieles mehr gelehrt. Und natürlich bildet die EAMT auch weiterhin Musiklehrer für allgemeinbildende Schulen aus, deren Tätigkeit die Garantie dafür ist, dass die estnische Musikkultur weiterhin stark bleibt.


Zu guter Letzt

Aloha Houseparty. © Visit Estonia


Nun ist Tallinn also endlich in den Reigen der internationalen Kreativstädte aufgenommen worden, übrigens nach Tartu und Viljandi, die bereits Kreativstädte sind. Die Stadt freut sich sehr darüber – und mit ihr alle Musik-Fans, die in ihr leben und musizieren oder die sie lieben und immer wieder besuchen. Tallinn wird den Titel mit selbstbewusstem Stolz tragen und natürlich auch in Zukunft für jede Menge vielfältige Musik Sorge tragen!


Zuletzt aktualisiert: 02.01.2022

Thema: Tallinn, Geschichte & Kultur