Frauen-Power und Power-Frauen aus Estland

Quelle: Kert Kruusakivi

Estland ist übersichtlich an Fläche, aber gigantisch an Fortschrittsgeist. Klar, dass auch die Chancengleichheit von Männern und Frauen hoch entwickelt ist. Tatsächlich ist weibliche Führungsstärke sogar Teil der nationalen DNA. Estnische Frauen glänzen im künstlerisch-kreativen Bereich genauso wie auf der Bühne der internationalen Politik oder in den scheinbaren Männerdomänen IT und Finanzen. Wir stellen Ihnen Estinnen vor, die die Welt weiter bringen: Vordenkerinnen ihrer Branchen und Metiers.

Frauen an der Macht: Weibliche Doppespitze
Als Staat mit der einzigen weiblichen Doppelspitze bewies Estland auch in Sachen Gleichberechtigung progressive Haltung. Kaja Kallas ist noch heute Estlands Regierungschefin und gilt als führende Stimme der europäischen Sicherheitspolitik, Kersti Kaljulaid war von 2016 bis 2021 Präsidentin des Landes und die erste Frau im Amt. Auch heute ist Kaljulaid, Jahrgang 1969, nicht untätig. Die Mutter von vier Kindern und vierfache Großmutter ist die Botschafterin des UN-Generalsekretärs bei der Organisation Every Woman Every Child (EWEC), die sich weltweit für Gesundheit und Lebensbedingungen von Müttern, Kindern und Heranwachsenden einsetzt. Die Führungsstärke estnischer Frauen ist kein Zufall, sondern in der Kultur des Landes fest verankert. So besteht auf der Insel Kihnu das womöglich letzte Matriarchat Europas, in dem Frauen nicht nur die Richtung des Alltagslebens vorgeben, sondern auch die Kultur der insularen Gesellschaft bewahren und lebendig erhalten.

Frauen geben den Ton an: In Oper und Konzertsaal
Musik hat in Estland besondere Bedeutung, und Estinnen spielen eine wichtige Rolle in der Musik. Das Royal Opera House in London, die Niederländische Nationaloper in Amsterdam, das Theater an der Wien und das Teatro Real in Madrid sind nur einige der Stationen von Mezzo-Sopranistin Kai Rüütel. Auch in Opern-Filmen wie "Der Schmied von Gent" hat die 1981 in Tallinn geborene Sängerin mitgewirkt. Derzeit singt die Weltenbummlerin in Wagners "Walküre" an der Dortmunder Oper. Kristiina Poska hingegen gibt den Takt vor: Die vielfach preisgekrönte Chefdirigentin des Flandrischen Symphonie-Orchesters in Gent ist auch Gast-Dirigentin des lettischen Symphonie-Orchesters in Riga. 1978 in Türi geboren, studierte sie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin und war Erste Kapellmeisterin der Komischen Oper Berlin, bevor sie am Theater Basel als erste Frau die Position des Generalmusikdirektors übernahm.

Spitzenköchin mit Weitblick und Leidenschaft
Estlands prominenteste Spitzenköchin Angelica Udeküll hat die Küchen von Top-Restaurants geleitet, zahlreiche Kochbücher veröffentlicht und in ihrer eigenen Show im Fernsehen kulinarische Traditionen, Aromen und Spezialitäten unterschiedlicher Regionen in ganz Estland bekannt gemacht. Dabei wirbt sie für das gemeinsame Kochen zu Hause und vermittelt Grundwissen über Lebensmittel, das heute nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben wird. Derzeit wirkt sie im Gourmet-Restaurant Wicca des westlich von Tallinn an der Küste gelegenen Hotels LaSpa Laulasmaa. Hier entwickelt Angelica Udeküll die traditionellen Aromen und Geschmäcker der durch ländliches Leben und die Jahreszeiten geprägten estnischen Küche zu moderner nordischer Cuisine. Mit handwerklichem Können und Leidenschaft für hochwertige Produkte schafft sie Geschmackserlebnisse, an die sich ihre Gäste lange und gerne erinnern.

Frauen für Natur und Klima: Jetzt die Welt retten
Sie liebt die Natur und ist mit Leib und Seele Umweltschützerin: Adventure-Guide Mariell Jüssi bringt Besuchern die einzigartige Landschaft des Soomaa-Nationalparks im Südwesten Estlands nahe. Die Mitbegründerin von Kayak Estonia, einem Anbieter von Paddel-Touren und Wildnis-Aktivitäten, hat sich nachhaltigem Tourismus verschrieben, der Freude an und Schutz der Natur miteinander verbindet. Auf globaler Ebene arbeitet Annela Anger-Kraavi. Die Klima-Expertin, Wissenschaftlerin und Geschäftsführerin der Stiftung  Cambridge Trust for New Thinking in Wirtschaftswissenschaften beschäftigt sich seit 20 Jahren in internationalen Gremien bis hin zu den Vereinten Nationen mit Klimaschutz. Sie führt Klimaverhandlungen für die EU und die UN, berät Regierungen und UN-Gremien zum Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft und forscht zu den marktwirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Klimawandels.

Frauen als Tech-Tycoons und Finanz-Expertinnen
Als einzige auf IT spezialisierte Juristin im Land beriet sie in den Neunzigerjahren die estnische Regierung, später bekleidete Kaidi Ruusaleep Führungspositionen in der Finanzwelt und an der Börse. 2013 gründete sie Funderbeam, einen globalen Marktplatz, der Wachstumsunternehmen mit internationalen Investoren verbindet. Weil die Firma mit Blockchain-Technologie arbeitet, wird sie als Modell für die Börse der Zukunft gesehen. Vilve Vene war unter anderem an der Entwicklung des digitalen estnischen Steuersystems beteiligt. Mit ihrer Firma Icefire entwickelte die IT-Gigantin Technologie für Banken und Finanzdienstleiter. Heute ist sie CEO des von ihr mitbegründeten Technologieanbieters Toom. Als Dienstleistungsplattform für Banken konzipiert, fungiert Toom gegenwärtig als Partner für Banken und Firmen bei der digitalen Transformation und als Plattform für alle Arten von Finanzprodukten.

Designerin mit sicherem Blick und No-Waste-Konzept
Design gehört zu den estnischen Kernkompetenzen - und von Mode bis zu Möbeln haben sich dabei Frauen einen Namen gemacht. Stella Soomlais, Chef-Designerin ihres eigenen Labels, verbindet mit ihren Ledertaschen handwerkliche Kunst und innovatives Design. Zudem hat sie den Anspruch, den Fertigungsprozess ohne Reste abzuschließen. Denn Wegwerfmentalität ist ihr ein Gräuel. Taschen sind für sie daher auch kein modisches Accessoire, sondern dauerhafte Begleiter, mit Liebe entworfen und auf Bestellung von Hand gefertigt. Beim Design hat sie estnische Traditionen im Hinterkopf und schaut zugleich nach vorne. Neben konsequenter Nachhaltigkeit gehört auch ein positives Arbeitsumfeld zu ihren Prioritäten. Mitarbeiter und Kunden sollen mit Freude in ihr Atelier kommen. So ist es Designerin Stella Soomlais gelungen, ein erfolgreiches Unternehmen mit einem Dutzend Angestellten aufzubauen.



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