Inspirierende estnische Volksweisheit: Zwischen Tradition und Mythos

Quelle: Thomas Woland

Inspirierende estnische Volksweisheit: Zwischen Tradition und Mythos

Die Natur hat in Estland seit jeher einen hohen Stellenwert. Sie versorgt die Menschen nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit Medizin. Das enge Verhältnis zu ihr ist quasi in die DNA der Esten eingeschrieben und das Wissen um einen guten und nachhaltigen Umgang mit ihr wird in tradierter alter Volksweisheit von Generation zu Generation weitergegeben. Für Außenstehende klingt das meist nach Magie und Aberglaube. Oft ist die Angelegenheit aber weit weniger magisch als sie aussieht. Allerdings nicht immer.


Anders als in vielen westeuropäischen Ländern, in denen manch jüngerer Mensch nicht mal mehr weiß, wo Pilze wachsen, leben die Esten nach wie vor sehr naturverbunden. Neben dem selbstverständlichen saisonalen Pilzepflücken und Beerensammeln gibt es auch Traditionen, die zunächst merkwürdig anmuten – und es manchmal auch dann bleiben, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Es ist beispielsweise schwer herauszufinden, warum halb Estland einer bestimmten Farnblüte hinterherjagt oder nicht von der Überzeugung lassen kann, dass man bei einer Erkältung nachts Socken tragen sollte, die zuvor in Wodka getränkt wurden.

Einfacher zu verstehen ist es da durchaus, dass junge unschuldige Damen unter einer Decke schlafen sollten, die außen mit Fichtennadeln versehen ist. Denn das könnte den Stallburschen – und jeden anderen kecken Opportunisten – tatsächlich von möglichen übergriffigen Vorhaben abhalten.


Rituale

Um Ihre zukünftige Liebe in einem Traum zu sehen, müssen Sie zur Sommersonnenwende neun Blumen pflücken und über Nacht unter Ihr Kissen legen.

Foto: Siiri Kumari, Visit Estonia


Wissenschaftler, die sich mit der estnischen Folklore und den Volksmythen befassen, haben schon bald entdeckt, dass die meisten scheinbar magischen Rituale ganz pragmatische Problemlösungsstrategien sind. Oder gesellschaftlich wirksame Direktiven, die auf Frieden und Harmonie zielen.

Das Verbot, beispielsweise, sich im Jahreslauf vor dem St. Georgs-Tag auf den Waldboden zu setzen, hat vermutlich einfach den Grund, dass der noch zu kalt ist und man sich ansonsten allerlei unangenehme Zipperlein zuziehen könnte. So wird das freilich nicht tradiert. Die Volksweisheit behauptet, der Grund sei, dass das Erdreich noch nicht wieder zu atmen begonnen habe und ein längerer Kontakt mit ihm daher giftig wirkt.

Ganz ähnlich ein Ritual, das man als vernünftige Gewittervorsorge im Sinne des gesunden Menschenverstandes bezeichnen könnte: Man soll bei Gewitter nämlich Fenster und Türen geschlossen halten. Als Grund gibt der Mythos allerdings zu bedenken, dass der Teufel auf der Flucht vor dem Donner das Haus betreten könnte. Und wenn die Gewittergötter das entdecken, wird womöglich ein Blitz das Haus vernichten.


Waldgesetze

Die Ernte des Birkensafts im Frühjahr symbolisiert den Beginn neuen Lebens nach dem Winterschlaf.

Foto: Visit Estonia



Es gibt viele Regeln, die erklären, wie man sich im estnischen Wald richtig verhält. Zum Beispiel sollte man im Wald nicht fluchen oder Böses denken, denn an einem magischen Ort wie dem Wald können böse Gedanken wahr werden, heißt es.

Wilde Tiere, so sagt der Mythos, werden einen wahrscheinlich angreifen, wenn man sie „bei ihrem richtigen Namen nennt". Was als allgemeine Mahnung zur Vorsicht verstanden werden könnte, hat im Laufe der Zeit sympathisch skurrile Formen angenommen, denn es wurden einfach allerlei Synonyme ersonnen, mit denen frei lebende Tiere seither belegt werden können – wie „Grauer" für den Wolf.

Aber auch an sich harmlose Tiere wurden bisweilen als gefährlich angesehen: Der Kontakt mit Zugvögeln nach ihrer Rückkehr aus dem Süden sollte dringend vermieden werden. Laut Mythos, weil sie möglicherweise verflucht sind und eine Katastrophe übers Land bringen könnten – was gar nicht so weit weg von dem vermutlich eigentlichen Grund ist, nämlich dem Schutz vor übertragbaren Krankheiten auf die einheimische Tierpopulation.

Friedhöfe und Moore sollte man nachts meiden, weil die Geister nicht gestört zu werden wünschen. Dass man sich bei nächtlicher Meidung dieser Orte an den Grabsteinen aufgrund schlechter Sicht nicht verletzt und bei einem falschen Tritt nicht im Sumpf versinkt, ist ein ganz sinniger Nebeneffekt dieses Tabus.


Weitere Vorschriften und Tabus

Im Wald sollte man nicht fluchen oder böse Gedanken hegen – denn hier könnten sie wahr werden.

Foto: Visit Estonia


Viele Rituale sind in Estland mit der Familie und dem Haushalt verbunden. Manche sind entschüsselbar, andere warten noch auf eine befriedigende Erklärung im Lichte der Vernunft. So wie das Tabu, ein neues Haus auf der Asche eines abgebrannten alten zu errichten. Möglich wäre die ganz simple Idee, dass an der Stelle, an der ein Haus einmal abgebrannt ist – beispielsweise wegen Blitzschlags –, die Wahrscheinlichkeit hoch bleibt, dass es auch das nächste erwischt. Aber ganz sicher ist diese Interpretation nicht.

Viel eher zu begreifen ist ein altes Verbot für junge Mütter: Die sollten nach der Geburt nämlich sechs Wochen lang zu Hause bleiben und durften ihr Baby keinem Fremden zeigen – eine sehr weise Maßnahme, um den neuen kleinen Erdenbürger in Ruhe Vertrauen zur Welt fassen zu lassen und sein sich erst allmählich ausbildendes Immunsystem nicht zu überfordern.

Auch die Sauna spielt seit jeher eine besondere Rolle im häuslichen Leben der Esten. Sie ist bis heute kaum aus dem estnischen Alltag wegzudenken. Während man sie in unseren Zeiten allerdings fast nur noch zum gemeinsamen Schwitzen nutzt („fast", weil in Südestland in der Sauna nach wie vor Fleisch geräuchert wird), hatte sie in früheren Zeiten auch rituelle Bedeutung. Hier wurden die Kinder zur Welt gebracht und die Toten gewaschen. Der Saunaraum war ein heiliger Ort, in der Bedeutung vergleichbar mit einer Kapelle. Da nimmt es nicht wunder, dass auch der simple Saunagang selbst eine mythologische Bedeutung erhielt: Man schwitzte, um durch die Wärme gute Geister anzulocken.


Eintauchen in den Volksmythos

Wen dieser kleine Ritt durch die alte estnische Volksweisheit inspiriert hat, kann sich jederzeit weiter in die mythischen Traditionen Estlands vertiefen. Am besten geht das natürlich vor Ort: Wandern Sie durch die estnische Natur mit ihren vielen Mooren, probieren Sie die südestnische Rauchsauna aus, lassen Sie sich in einem der zahlreichen SPA-Hotels durch eine Massage mit lokalen Zutaten verwöhnen oder spazieren Sie durch den Wald und sammeln dort Pilze und Beeren. Wir sind sicher: Es wird nicht lange dauern, bis die guten estnischen Geister Sie entdecken und freundlich an der Hand nehmen.

Zuletzt aktualisiert: 06.04.2020

Thema: Geschichte & Kultur, Gesundheit & Wohlbefinden, Natur & Tierwelt