Estland und seine Deutschen

Thema: Geschichte & Kultur

Zuletzt aktualisiert19.09.2016

Estland und seine Deutschen

Quelle: Heikki Leis

Autor:

Volker Röwer

Vor gut achthundert Jahren geschah im nördlichen Baltikum etwas, das die darauf folgenden Epochen nachhaltig beeinflussen sollte: Die Deutschen kamen. Und sie blieben – 7 lange Jahrhunderte.

Lebendige Geschichte

Der Deutsche von heute weiß gewöhnlich nicht viel über die Geschichte jener Menschen, die einst aus dem Norden Deutschlands in Richtung Baltikum aufbrachen und sodann als Oberschicht über lange Jahrhunderte die Geschicke in jenen Regionen bestimmten, die wir heute als Estland und Lettland kennen. Bei den Esten hingegen ist das Wissen um die Deutschbalten, jener Nachfahren von einstigen Ordensrittern und Landadeligen, von mittelalterlichen Kaufleuten und Handwerkern, noch immer sehr präsent. Und das, obwohl die letzte Etappe der langen Geschichte dieser Bevölkerungsgruppe bereits 1918 eingeläutet wurde, bevor sie im Herbst 1939 zu einem jähen Ende kam. Auch eine Geschichtsschreibung, die in den Jahrzehnten dazwischen und danach die Rolle dieser Deutschen im Baltikum fast ausnahmslos als eine negative beschrieb, änderte daran wenig. Heute werden die Deutschbalten differenzierter dargestellt und die kulturellen und architektonischen Hinterlassenschaften dieser Minderheit wie selbstverständlich als Teil der eigenen Geschichte verstanden. So weiß ein jeder Este, was ein Mõis ist, denn er hat ja mindestens einen in der unmittelbaren Nähe: ein Gutshof. Oft sind es stolze Anlagen irgendwo auf dem Lande, bestehend aus einem Hauptgebäude – dem Gutshaus – und mehr oder weniger zahlreich erhalten gebliebenen Nebengebäuden.


Faszinierende Gutshöfe

Fast 1.400 solcher zumeist deutschbaltischen Gutsanlagen gab es einst in Estland. Heute ist davon noch gut die Hälfte – mal mehr, mal weniger gut – erhalten. Ein unglaublicher Schatz, einmalig in Zahl und Bedeutung. Aber auch eine riesengroße Herausforderung für ein kleines Land und ein kleines Volk. Estland hat sie angenommen. In den letzten Jahren sind etliche Gutshäuser wundervoll restauriert worden; fast zusammengefallene Gebäude entstanden in neuem Glanz und sind der Öffentlichkeit als Hotels, Restaurants, Museen oder Schulungszentren zugänglich. Und es werden immer mehr.

Selbstverständlich ist das nicht, sind die Gutshöfe doch symbolträchtige Anlagen, die eine Zeit repräsentieren, in der die einheimischen Esten von Freiheit und Selbstbestimmung nur träumen konnten. Vielleicht taten sie nicht einmal das, denn die Last des Alltags war schwer und festgefügt waren die seit Jahrhunderten geltenden Regeln – die Deutschen hatten die Macht und das Geld, die Esten hingegen besaßen nicht einmal die Scholle, die sie zu beackern hatten.

Die Geschichte der Deutschbalten ist in Estland lebendig. Ihr Einfluss auf viele Bereiche des Lebens war enorm; die kulturelle und wissenschaftliche Entwicklung des Landes, die estnische Sprache, Architektur, Kunst, Kultur und nicht zuletzt Handel und Wirtschaft sind zum Teil bis heute von ihren Vorgaben geprägt. Mittelalterliche Altstädte mit stolzen Patrizierhäusern und imposanten Kirchen, städtische Palais und eindrucksvolle Friedhöfe, besonders aber jene Hunderte von Gutshäusern auf dem Lande sind Zeugen dieser deutschbaltischen Geschichte, die bis heute deutlich nachwirkt.

Faszinierende Gutshöfe, beeindruckende Hansestädte und packende Biografien deutschbaltischer Persönlichkeiten machen einen Besuch Estlands zu einer spannenden Sache. In den letzten Jahren hat sich ein wahrer Gutshoftourismus entwickelt, denn auf Fahrten von Mõis zu Mõis kann man das ganze Land kennenlernen. Ehemalige Hansestädte wie Tallinn, Tartu oder Viljandi sollten ohnehin auf keinem Besuchsprogramm fehlen. Wir wünschen viele tolle Entdeckungen auf den Spuren der Deutschbalten in Estland!




Zuletzt aktualisiert 19.09.2016

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