Die merkwürdigsten Wörter der estnischen Sprache

Quelle: Mart Vares, Visit Estonia

Die merkwürdigsten Wörter der estnischen Sprache

Estnisch ist eine sehr melodische Sprache mit etlichen Wortstämmen, die aufs Deutsche zurückgehen und manch unverkennbaren Lehnwörtern. Trotzdem klingt sie für deutsche Ohren wunderbar ungewohnt und es gibt viele schöne Wörter, die einen zum Schmunzeln bringen – und manchmal auch staunen lassen.


Was viele nicht wissen: Estnisch gehört zu den finno-ugrischen Sprachen, ist eng mit dem Finnischen und entfernt mit dem Ungarischen verwandt und fällt damit aus der Sprachfamilie heraus, die die beiden anderen baltischen Staaten verbindet: Lettisch und Litauisch zählen zu den indogermanischen Sprachen.

"Tere!" heißt "Hallo!"

Es ist die allgegenwärtige Begrüßungsformel in Estland.

Foto: Visit Estonia

Das Estnische gilt als schwer zu lernen und wer immer es schon einmal versucht hat, kann das leidvoll bestätigen. Es dürfte vor allem daran liegen, dass sich das Estnische (wie auch die anderen finnisch-ugrischen Sprachen) in seiner grammatischen Struktur deutlich von Sprachen wie dem Deutschen unterscheidet.

Zwei der essentiellen Besonderheiten der estnischen Sprache sind in einem geflügelten Wort gebündelt: „Die Esten kennen kein Geschlecht und keine Zukunft" – und sie ersparen sich damit, möchte man als Deutscher lächelnd ergänzen, sowohl eine ganze Menge emotional aufgeladener Debatten als auch sinnloses Grübeln. Vielleicht ist ja schon in der Sprache dasjenige angelegt, was die Esten im Allgemeinen auszeichnet: ein sehr unaufgeregter und gelassener Pragmatismus.


Es wird lang und länger

Im Estnischen kann man SEHR lange Wörter bilden

Durch eine Genitiv-Konstruktion lassen sich quasi beliebig viele Wörter in Reihe schalten.

Foto: Mariann Liimal, Visit Estonia

Eine der faszinierenden Besonderheiten an der estnischen Sprache: Man kann durch die Kombination von einzelnen Wörtern quasi endlose Bandwurm-Wörter bilden, indem man das jeweils vorne stehende Wort als Genitiv des folgenden Wortes formt. Natürlich tun das die Esten selbst im Alltag nur sehr begrenzt, aber prinzipiell geht es eben. Und natürlich sind zu Demonstrationszwecken wunderbare Konstrukte in Umlauf.

Zwei herrlich-absurde Beispiele:

Uusaastaöövastuvõtuhommikuidüll

Das meint die „Neujahrsnachtempfangsmorgenidylle" bzw. die „Idylle am Morgen des Neujahrsnachtempfangs".

Isaspaabulinnusabakattesulesilmamunavärvivabrikukuldväravaauvahtkonnaülemapühapäevajakirinnataskusisevoodrivahe

Es bedeutet, auseinanderklabüstert: „Futterzwischenraum der Brusttasche der Sonntagsjacke des Obersten der Ehrenwache des Goldenen Tores der Farbenfabrik für Schwanzdeckfederaugäpfel männlicher Pfaue".


Palindrome

Eines der schönsten und bekanntesten Beispiele für diese Bandwurm-Wörter ist

kuulilennuteetunneliluuk

Es bedeutet "Kugelflugwegtunnelluke" bzw. "Die Luke des Tunnels des Flugwegs der Kugel."

Das Besondere an diesem Wort ist allerdings gar nicht die Genitivkonstruktion alleine: Es ist darüber hinaus ein Palindrom, will heißen: Es liest sich rückwärts genauso wie vorwärts. Und gleichzeitig ist es mit 24 Buchstaben das längste Palindrom im Estnischen.

Freilich gibt es noch kürzere andere Palindrome wie das unspektakuläre kirik („Kirche") oder das schöne ujutuju („Schwimm-Stimmung") und auch ganze Palindrom-Sätze:

  • Aias sadas saia. („Im Garten regnete es Weißbrot.")
  • See uus selles suu ees. („Dieses Neue darin vor dem Mund.")
  • Illar Annok ajas alla saja konna ralli. („Illar Annok überfuhr eine Rallye von hundert Fröschen.")


Zungenbrecher üben!

Mundmuskeltraining

Der estnischen Zungenbrecher gibt's viele – und sie klingen alle wunderschön!

Foto: Liina Notta, Visit Estonia

Zum internationalen Tag der estnischen Sprache hatte die Uni in Tartu in diesem Jahr eine schöne Idee. Da man ja wisse, dass Estnisch schwer zu lernen sei und vor allem Sprachstudenten vor große Herausforderungen stelle, habe man lange nachgedacht – und nun eine perfekte Lösung.

Man solle einfach die zehn schönsten estnischen Zungenbrecher so lange üben, bis man nicht mehr stolpert und die Aussprache stimmt; der Rest beim Estnisch-Lernen sei dann, so die Uni, ein Klacks.

Und wenn man sich die Zungenbrecher in den mitgelieferten Audiobeispielen bzw. Videos so anhört, könnte da in der Tat etwas dran sein; das wird dauern!

Jõululaululaulja (der "Weihnachtslied-Sänger") ist zum Beispiel wunderhübsch! Oder die Aufforderung Anna õlu üle Ülo õe õla („Reich mal ein Bier über die Schulter der Schwester von Ülo!") und das sachlich eigentlich völlig unspektakuläre Esimese esimehe esimene esinemine (nämlich der „erste Auftritt des Ersten Vorsitzenden").


Lustiger Wohlklang

Es gibt sehr lustige Wörter im Estnischen

Foto: Mart Vares, Visit Estonia

Wir haben bereits gesehen: Viele der erwähnten Wörter klingen für deutsche Ohren ungewohnt – aber auch sehr lustig. Und davon gibt es im Estnischen noch viel mehr. Ein paar Beispiele:

  • öö (Nacht)
  • öötöö (Nachtarbeit)
  • töö-öö (Arbeitsnacht)
  • jää-äär (Eiskante)
  • habemeajaja (Barbier)
  • asjaajaja (Angestellter)
  • jalalaba (Fußsohle)
  • untsantsakas (Frechheit)
  • nipet-näpet (Krimskrams)
  • mürakaru (Brummbär)


Deutsche Einflüsse

Apropos deutsche Ohren: Durch die Jahrhunderte währende Präsenz der Deutschbalten in Estland hat die estnische Sprache viele Einflüsse aus dem Deutschen erhalten. Die Sprachwissenschaft weist rund 800 Wortstämme aus dem Niederdeutschen und rund 500 Wortstämme aus dem Hochdeutschen aus. Diese Wortstämme wird man als Deutscher ohne Estnisch-Kenntnisse allerdings meist nicht so ohne Weiteres erkennen. Aber es gibt einzelne Wörter, bei denen das ganz anders ist.

  • naps (Schnaps),
  • tund (Stunde),
  • pekk (Speck)
  • plats (Platz)
  • loss (Schloss)
  • reisibüroo (Reisebüro)
  • plaaster (Pflaster)
  • kahhel (Kachel)
  • pilt (Bild)
  • passiamet (Passamt)
  • müts (Mütze)
  • mantel (Mantel)
  • vein (Wein)
  • und – besonders hübsch: Moseli vein (Moselwein)
  • atentaat (Attentat)
  • arst (Arzt)
  • mööbel (Möbel)

Nicht ganz so offensichtlich – aber schon auch! – verhält sich die Sache beispielsweise bei den Wörtern koer (Hund – von Köter), nööp (Knopf) und piparkook (Pfefferkuchen).




Zuletzt aktualisiert: 26.10.2021

Thema: Geschichte & Kultur