Tartu – Europäische Kulturhauptstadt 2024

Quelle: Riina Varol, Visit Estonia

Tartu – Europäische Kulturhauptstadt 2024

Nach Tallinn (im Jahr 2011) wird nun auch die zweitgrößte estnische Stadt Tartu für ein Jahr zur europäischen Kulturhauptstadt – und zwar 2024. Tartu hat diese Auszeichnung mehr als verdient und wird seine Chance nutzen, sich im Hauptstadtjahr einer größeren Öffentlichkeit von der besten Seite zu präsentieren. Das bedeutet aber auch: Alle, die Tartu in Ruhe bereisen möchten, haben jetzt gute vier Jahre Zeit das zu tun, bevor der Trubel losgeht.


Man sollte für den Besuch Tartus mindestens zwei volle Tage einplanen. Falls es gar nicht anders geht und man nur einen Zwischenstopp einlegen kann, nehme man sich unsere Empfehlungen für einen sechsstündigen Kurztrip zu Herzen.

Tartu ist keine riesengroße Stadt. Man kommt hier gut zu Fuß von A nach B und überhaupt lässt sich das geistige Zentrum des Landes am besten in gemächlicher Geschwindigkeit – zu Fuß oder per Fahrrad – erkunden. Man kann auf eigene Faust losziehen und sich die verschiedenen Stadtteile mit ihrem je ganz eigenen Charakter anschauen. Es gibt aber auch viele abwechslungsreiche Stadtführungen, die wirklich empfehlenswert sind – unter ihnen themenzentrierte, wie die literarische Wanderung oder der architektonische Spaziergang.


Universitätsstadt seit 1632

In Tartu steht eine der ältesten Universitäten Nordeuropas. Sie wurde im ersten Drittel des 17. Jahrhundert von König Gustav II. Adolf von Schweden gegründet. Die Stadt blickt daher auf eine lange wissenschaftliche und intellektuelle Tradition zurück – der entsprechende Geist ist bis heute zu spüren. Und natürlich ist Estlands zweitgrößte Stadt, die gerne und zu Recht als estnische Kulturhauptstadt und als geistiges Zentrum des Landes bezeichnet wird, auch dieser Tage eine lebendige Studentenstadt.


Wenn man durch Tartu schlendert, bemerkt man das sofort: Diese Stadt ist sehr jung und verfügt über eine bunte gastronomische Szene von traditionsreichen Debattiercafés wie dem Café Werner über klassische Studentenkneipen bis hin zu Tanztempeln für Nachtschwärmer.

Die Tartuer Universität war über die längste Zeit ihres Bestehens geisteswissenschaftlich geprägt und so nimmt es nicht Wunder, dass sich in der Studentenschaft über die Jahre eine virulente alternative Szene etabliert hat, deren Protagonisten auch nach ihrem Uniabschluss oft in Tartu bleiben. Kneipen wie das Möku und die Einwohner der hübschen Suppenstadt – ein Stadtteil Tartus, der hauptsächlich aus alten Holzhäusern besteht, die nach und nach saniert werden – geben davon Zeugnis.

Bei einem Spaziergang durch den weitläufigen Park auf dem Domberg atmet man nicht nur frische Luft, sondern auch den historischen Odem flanierender Professoren und jede Menge Kultur- und Architekturgeschichte ein.


Hipster-City

Der Stadtteil Karlova, auf der südlichen Seite der Kernstadt gelegen, ist ebenfalls von alten Holzhäusern geprägt, aber bürgerlicher als die alternative Suppenstadt. Hier hat sich in den vergangenen Jahren auch die örtliche Hipsterszene niedergelassen – rund um ihren zentralen Treffpunkt Barlova.

Tartus Creative City "Aparaaditehas"

Auf dem Gelände einer alten Fabrik hat die Kreativszene Tartus ihr Zuhause gefunden.

Foto: Riina Varol, Visit Estonia


Mit Aparaaditehas hat Tartu sich außerdem kürzlich auch einen Spielplatz für Kreative geschaffen – nach dem Vorbild der Creative-City Telliskivi in Tallinn. Auf dem Gelände einer alten Fabrik am Rande Karlovas gedeihen seither hippe Gastronomie, kleine stylische Läden, Kunst und Kultur.


Jenseits des Flusses

Durch den Emajõgi, den Hausfluss Tartus, wird die Stadt in zwei Hälften geteilt. Auf der anderen Seite des munteren Gewässers gibt es vor allem zwei Highlights zu bestaunen: ein Museum und einen Friedhof.


Auf dem ehemaligen Gelände eines großen sowjetischen Luftwaffenstützpunktes wurde vor einigen Jahren das äußerlich wie innerlich beeindruckende estnische Nationalmuseum gebaut – und zwar mitten in die Flucht der einstigen Landebahn, was den langgestreckten Bau noch länger wirken lässt. Allein aus architektonischen Gründen lohnt sich ein Besuch des Areals. Der Rest des ehemaligen Sperrgeländes wurde als weitläufiger Park mit einem kleinen See konzipiert und eignet sich hervorragend für einen Spaziergang.

Letzteren kann man dann unweit des Museums fortsetzen. Durch den schönen Park Raadi gelangt man auf den großen Friedhof Raadi, der wunderbar verwunschen wirkt, gleichzeitig jedoch über ordentliche Wegweiser zu den Gräbern prominenter Einwohner Tartus verfügt.


Tartu hat Charme

Ein paar Eckdaten: Tartu hat rund 100.000 Einwohner und erstreckt sich über eine Fläche von knapp 40 Quadratkilometer. Urkundlich erwähnt wurde die ehemalige livländische Hansestadt erstmals im Jahr 1030. 1775 zerstörte ein riesiger Brand so gut wie die gesamte Innenstadt, weshalb die meisten der heute stehenden architektonisch attraktiven Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen.

Eine hübsche, spannende und geschichtsträchtige Studentenstadt

Foto: Riina Varol, Visit Estonia


Seit dem 13. Jahrhundert war das ehemalig schwedische, dann deutsche Dorpat Hansestadt. 1893 wurde es russifiziert und offiziell in Jurjew umbenannt, was sich allerdings nicht einmal im russischen Sprachgebrauch durchsetzte. Seit der ersten estnischen Unabhängigkeit 1918 – Estnisch wurde Amtssprache – heißt die Stadt Tartu. Im Stadtgebiet Tartus bestand das sowjetische Kriegsgefangenenlager 331, in dem deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges untergebracht waren.

Das Flair Tartus erinnert ein wenig an Heidelberg. Der Unicampus ist hier ebenfalls identisch mit der Altstadt, Stadtbild und Gastronomie sind studentisch geprägt und der Fluss dient im Sommer als Naherholungsgebiet. Tartu ist ein hübsches Städtchen mit unverhohlenem Charme.


Kultur in der Kulturhauptstadt

Wie man es von der immerwährenden estnischen und zukünftigen europäischen Kulturhauptstadt erwarten kann, ist das kulturelle Angebot Tartus groß. Übers ganze Jahr verteilt gibt es ein buntes Eventprogramm. Zu den beliebtesten und schönsten Veranstaltungen zählen das Festival der Liebesfilme „tartuff", die zweimal jährlich stattfindenden Studententage und das IDeeJazz-Festival.


Auch mit Museen geizt Tartu nicht. Neben dem Nationalmuseum ist vor allem das interaktive Wissenschaftszentrum AHHAA ein Erlebnis. Aber auch das Kunstmuseum im schiefen Haus am Rathausplatz, das Stadtmuseum, das Druckkunst- und Papiermuseum, das Biermuseum der örtlichen Brauer A. Le Coq und Schatzkammer und Kunstmuseum der Universität lohnen einen Besuch.


Tartu freut sich auf Sie! - Gute Reise!



Zuletzt aktualisiert: 23.09.2019

Thema: Südestland, Geschichte & Kultur, Essen, Trinken & Nachtleben

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