Estland feiert 30 Jahre Wiedererlangung der Unabhängigkeit

Quelle: Raigo Pajula, Visit Estonia

Estland feiert 30 Jahre Wiedererlangung der Unabhängigkeit

In diesem Jahr feiert die Republik Estland den dreißigsten Jahrestag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Die Feierlichkeiten finden in ganz Estland statt und der Höhepunkt wird ein synchroner Auftritt von Chören in mehreren Städten des Landes sein.


Jahrhundertelang von fremden Herrschern regiert, haben die Esten nie den Glauben an die Unabhängigkeit ihres Landes verloren. Am 23. Februar 1918 war es erstmals so weit: Vom Balkon des Endla-Theaters in Pärnu wurde das Manifest an alle Völker Estlands verlesen, in dem Estland als souveräner Staat proklamiert wurde. Das versammelte Volk sang unisono Mu isamaa, mu õnn ja rõõm ("Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude") – ein Lied, das später die Nationahymne Estlands werden sollte.


Die estnische Nationalhymne auf der Bühne des Sängerfeldes in Tallinn beim großen Sänger- und Tanzfest 2019


Erstmals unabhängig: die Republik Estland

Der erste Jahrestag der Unabhängigkeit 1919

Feierlichkeiten auf dem Freiheitsplatz in Tallinn zum einjährigen Unabhängigkeitsjubiläum am 24. Februar 1919.

Foto: Wikimedia Commons

Am nächsten Tag, dem 24. Februar, erreichte die Proklamation Tallinn. Hier wurde das Dokument unmittelbar der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die unabhängige Republik Estland war geboren. Sie hatte bis 1940 Bestand. Infolge der Aufteilung der Einflusssphären zwischen der UdSSR und Nazi-Deutschland wurde Estland in die UdSSR eingegliedert. Auch heute wird aber der 24. Februar, der Tag der ersten Unabhängigkeit, in Estland als Nationalfeiertag begangen.

Das zweite nationale Erwachen begann in den späten 1980er Jahren, in den Endzügen der allmählich kollabierenden Sowjetunion. Michail Gorbatschow hatte mit seiner "Perestroika" eine Reihe liberaler Reformen in der Innen- und Außenpolitik der UdSSR initiiert und die baltischen Staaten zögerten nicht lange, um diese erneute historische Chance zu nutzen. Bereits am 26. September 1987 wurde in der Tartuer Zeitung "Edasi" (estnisch für "Vorwärts") ein Vorschlag über die wirtschaftliche Autonomie Estlands innerhalb der Sowjetunion veröffentlicht.


Die Singende Revolution

Das Tallinner Sängefeld

Der Begriff "Singende Revolution" wurde von dem estnischen Künstler und Politiker Heinz Valk geprägt.

Foto: Aivar Pihelgas, Visit Estonia

Aber dabei bleib es nicht. Denn das erklärte und nie aus den Augen verlorene Ziel der Esten war die Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit, die Wiederherstellung der autonomen Republik Estland.

Die Ereignisse des Sommers 1988 in den baltischen Staaten sind heute als die "Singende Revolution" bekannt. Am 11. September 1988 versammelten sich rund 300.000 Esten, fast ein Drittel der Bevölkerung, auf dem Sängerfeld in der Hauptstadt Tallinn. Der Chorgesang hat den Menschen in den baltischen Staaten seit jeher geistige Kraft gegeben und ihren nationalen Zusammenhalt vermittelt. Während der Feierlichkeiten wurden sowohl traditionelle als auch neue Lieder über das historische Schicksal der Nation, die Freiheit und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gesungen – selbstverständlich auf Estnisch. Hunderte von blauen, schwarzen und weißen Fahnen wurden gehisst. Das allgegenwärtige gemeinsame Singen dieser estnischen Lieder wurde in den folgenden drei Jahren zur Hauptwaffe des Volkes im Kampf um die Freiheit.

Es gibt einen schönen und wirklich mitreißenden Dokumentarfilm über die Singende Revolution auf DVD und via Vimeo on Demand. Hier können Sie sich den Trailer ansehen; die Links zum Erwerb des Films finden sich dort unterhalb des Videos:




Der Baltische Weg

Der "Baltische Weg" im August 1989

Foto: Jaan Künnap, Wikipedia, Lizenzen: CC BY-SA 4.0

Der zweite bedeutende Moment auf dem Weg zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit war der so genannte Baltische Weg (auch als „Baltische Kette" bekannt). Fast zwei Millionen Esten, Letten und Litauer waren am 23. August 1989 auf den Straßen, reichten sich die Hände und bildeten eine rund 670 Kilometer lange Menschenkette, die die Hauptstädte Tallinn, Riga und Vilnius miteinander verband. Eine heute unfassbare organisatorische Meisterleistung, bedenkt man, dass es damals keine Handys und kein Internet gab, über das man sich hätte verabreden können. Diese riesige Protestaktion der Menschen aus den drei baltischen Staaten war ganz absichtsvoll auf den 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop-Paktes gelegt worden und verfehlte seinen Eindruck in der Welt (und in Moskau) nicht.



Zusammenbruch der Sowjetunion und erneute Unabhängigkeit

Im Jahr 1991 spitzten sich die Ereignisse zu. Der Auslöser für die Wiederherstellung der faktischen Unabhängigkeit Estlands war der Putschversuch in Moskau (der so genannte „Augustputsch"). Man nutze den historischen Moment: Am 20. August 1991 stellte der Oberste Rat Estlands die faktische Unabhängigkeit fest und damit die 1918 gegründete Republik Estland wieder her. Heute ist auch dieser Tag ein estnischer Nationalfeiertag, bekannt als Tag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit.


Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag 2021

Die Hauptveranstaltung zum 30. Jahrestag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit wird – wie kann es anders sein – gemeinsames Singen am Abend des 20. August sein. Große Liederfestivals finden in Tallinn, Tartu, Narva, Rakvere und Pärnu statt. Alle Liederfestivals werden vom Estnischen Rundfunk (ERR) ausgestrahlt.

Das estnische Nationalmuseum in Tartu

Foto: ERM - BTH Studio, Visit Estonia

Wenn Sie sich für die turbulenten Ereignisse auf dem Weg zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit am Ende der Achtziger und in den frühen 90er Jahre interessieren, können Sie die folgenden Ausstellungen und Veranstaltungen besuchen:

20. August:
Die Narwa-Stiftung für Integration organisiert ein Liederfestival "Sõida tasa üle silla" ("Lasst uns Brücken bauen").
Gesungen wird auf Estnisch, Russisch, Englisch, Weißrussisch, Ukrainisch und Ingrianisch. Der Eintritt ist frei.

20. August:
Jubiläumskonzert zum 30. Jahrestag im estnischen Nationalmuseum, Tartu
Mari Jürjens, Mari Kalkun und das VHK-Streichorchester unter der Leitung von Rasmus Puuri werden auf der Sommerbühne vor dem Nationalmuseum auftreten.

20. August:
Militärfahrzeuge im Estnischen Kriegsmuseum
Es werden verschiedene Militärfahrzeuge präsentiert – sowohl aus dem Bestand des Museums als auch Sammlerstücke von Privatpersonen.

20. bis 21. August und im Laufe des Septembers:
Performance und Ausstellung im Museum der Pfarrschule Oskar Luts in Palamuse
In Zusammenarbeit mit Schülern des Oskar-Luts-Gymnasiums werden im Museum der Oskar-Luts-Gemeinschaftsschule in Palamuse Aufführungen zu den historischen Ereignissen in Estland im Jahr 1991 organisiert.

6. bis 16. September:
Ausstellung "Zeitreise nach 1991" im estnischen Nationalmuseum
Die Ausstellung findet in Zusammenarbeit mit dem Estnischen Verein für Geschichte und Sozialkunde statt. Die Exponate nehmen die Besucher mit auf eine Reise ins Jahr 1991 – ein sehr bedeutendes Jahr für die Freiheitsbewegung und die Unabhängigkeit Estlands.

Bis Oktober:
Ausstellung "Estlands wiedergewonnene Unabhängigkeit: 30 Jahre Freiheit und Verantwortung"
Die Pop-up-Ausstellung wird vom Vabamu Museum für Besatzung und Freiheit organisiert und wird an fünfzehn verschiedenen Orten in Estland zu sehen sein. Die Ausstellung behandelt die Themen Freiheit, Verantwortung und Demokratie.

Bis 31. Dezember 2025:
„Die Zukunft kommt in einer Stunde" – Dauerausstellung estnischer Kunst aus den 1990er Jahren im Kumu Art Museum in Tallinn
Die Ausstellung präsentiert typische neue Phänomene und Kunstformen wichtiger estnischer Künstler, die in der Zeit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit entstanden sind. Der Name der Ausstellung ist dem Lied der Kultgruppe JMKE entnommen und weist auf die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen in einer Zeit hin, in der die Erwartungen und Hoffnungen aller auf die Zukunft gerichtet waren.


Übrigens ...

Neben der offiziellen Nationalhymne Estlands gibt es gewissermaßen auch noch eine inoffizielle: Mu isamaa on minu arm ("Mein Vaterland ist meine Liebe"). Es handelt sich dabei ursprünglich um ein Gedicht der estnischen Lyrikerin Lydia Koidula. Vertont wurde es erstmals für das allererste Sängerfest im Jahr 1869. Durchgesetzt hat sich aber schließlich die musikalische Umsetzung von Gustav Ernesaks aus dem Jahr 1944. In dieser Version spielte das Lied eine große Rolle während der Singenden Revolution.


Mu isamaa on minu arm – gesungen zum Abschluss des großen Laulupidus 2019. Da blieb kaum ein Auge trocken.



Zuletzt aktualisiert: 21.06.2021

Thema: Geschichte & Kultur, Veranstaltungen