Wie Estland zum digitalen Schrittmacher Europas wurde

Quelle: Anneli Arusaar, Visit Estonia

Wie Estland zum digitalen Schrittmacher Europas wurde

Estland ist Europas digitales Vorzeigeland – und als solches den meisten Ländern um Lichtjahre voraus. Zunehmend reisen europäische (und insbesondere deutsche!) Politiker in den nördlichsten baltischen Staat, um sich von den Errungenschaften – nicht zuletzt von denen auf Verwaltungsebene – inspirieren zu lassen.


Millennials lieben die Unabhängigkeit und Estland liebt Unternehmergeist – da treffen zwei perfekt passende Kosmen aufeinander. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich gegen die klassischen Ausbildungen und Berufslaufbahnen und für einen flexiblen Lebensstil. Als Freelancer – im IT-, Text- oder Designbereich zumeist – sind sie nicht auf einen festen Wohnort angewiesen und können von überall und zu jeder Uhrzeit arbeiten.


Mobiles Büro am Strand

Wo man heute arbeitet, wird im digitalen Zeitalter zunehmend egal

Foto: Renee Altrov, Visit Estonia


Freiheit ist kein Mythos

Estland zieht diese Generation magisch an. Denn hier hat man die Zeichen der Zeit früh erkannt. Einen großen Teil der öffentlichen Verwaltung – es sollen über 90% sein – hat man ins Internet verlagert: Estnische Bürger können so ziemlich alles per Mausklick und in wenigen Minuten erledigen, wofür der Rest der Europäer sich noch in eine Schlange auf dem Amt stellen oder komplizierte Formulare ausfüllen muss (Stichwort „Steuererklärung"). Und mit der so genannten „E-Residency" lockt der dynamische nordische Staat viele der jungen Digitalnomaden, aber auch gestandene Unternehmer an, die auf diese Weise sehr unbürokratisch und schnell ein Gewerbe anmelden und international tätig werden können.

50.000 Menschen aus 157 Ländern haben bereits die estnische E-Residency beantragt. Wenn dem Antrag stattgegeben wird, erhalten sie in einer estnischen Botschaft ihrer Wahl eine ID-Card, die Zugang zu digitalen Dienstleistungen des Staates gewährt. Unternehmensgründungen und Beglaubigungen von Dokumenten werden so zu völlig problemlosen Akten, die man schnell noch vor dem Mittagessen erledigen kann und die keine physische Präsenz voraussetzen.


Kreativität und Unternehmergeist

Estland verfügt über eine junge und dynamische Startup-Szene

Foto: Tõnu Tunnel, Visit Estonia



Viele bekannte Anwendungen haben ihren Ursprung in Estland

Estland ist so etwas wie der digitale Schrittmacher Europas. Viele Konzepte, Anwendungen und neue Unternehmen, die inzwischen weltweit in alltäglicher Benutzung sind, haben hier ihren Ursprung: Skype zum Beispiel und Transferwise. Aber auch Bolt (ehemals Taxify – ein Uber-Mitbewerber), Jobbatical, Toggl und Speakly. Die estnische Hauptstadt Tallinn wimmelt gewissermaßen von StartUps, die sich nichts weniger vorgenommen haben als die Welt zu verändern. Und selbst, wenn das nur den wenigsten gelingen wird: Es ist die positive, optimistische, kreative und nach vorne gerichtete Stimmung, die das Land so attraktiv macht.


E-Residency

Die ID-Karte, die Unternehmergeist fördert

Foto: Visit Estonia



Skype – eine frühe Erfolgsgeschichte des digitalen Estlands

Für die meisten Menschen bot Skype erstmals die Möglichkeit der Video-Telefonie. Plötzlich konnte man mit Freunden, Familienmitgliedern und Geschäftspartnern weltweit kommunizieren und sich dabei in Echtzeit wechselseitig sehen.

Inzwischen wurde Skype zunächst an ebay, später (2011) dann an Microsoft verkauft. Trotzdem sitzen 44% aller Mitarbeiter nach wie vor in den estnischen Städten Tallinn und Tartu und das Unternehmen wurde im Laufe der Jahre zu einer Art Praxis-Hochschule für estnische UnternehmerInnen. Viele der aktuell im digitalen Segment tätigen Unternehmen in Estland wurden von früheren Skype-Mitarbeitern gegründet und etliche Investoren, die bis heute die estnische Startup-Szene fördern, stammen ursprünglich aus diesem Stall.

Inzwischen gibt es natürlich viele Konkurrenzprodukte, aber Skype hält nach wie vor einen großen Marktanteil und ist auch bei Business-Globetrottern aller Couleur noch immer sehr beliebt.


Die digitale Welt ist wahrhaft global

Örtliche Unabhängigkeit, Grenzenlosigkeit, Kreativität: Digitale Errungenschaften machen Menschen zu Weltbürgern

Foto: Renee Altrov, Visit Estonia



Transferwise – Prototyp der estnischen Startup-Mentalität

Die Geschichte des Peer-to-peer-Devisentauschdienstes Transferwise beginnt mit zwei estnischen Freunden: Taavet und Kristo. Taavet war einer der ersten Skype-Mitarbeiter, lebte und arbeitete inzwischen in London, erhielt sein Honorar jedoch in Euro auf sein estnisches Konto. Sein Freund Kristo, der ebenfalls in London lebte und arbeitete, wurde von seinem Arbeitgeber in Pfund bezahlt, hatte jedoch in Estland eine Hypothek in Euro zu tilgen.

Die beiden beschlossen, sich auf privater Basis zu helfen und den Banken ein Schnippchen zu schlagen: Taavet zahlte jeden Monat einen bestimmten Betrag in Euro auf Kristos Euro-Konto in Estland, während Kristo auf Taavets britisches Konto einen Teil seines monatlichen Verdienstes in Pfund überwies. Man rechnete zum normalen Tages-Wechselkurs um und sparte so die horrenden Bankgebühren für Auslandsüberweisungen. Es dauerte nicht allzu lang, bis die Freunde sich sicher waren, dass das Konzept auch für andere Menschen interessant sein könnte. Sehr zu Recht – Transferwiese war geboren.

Das Unternehmen expandierte schnell. Heute hat es den Anspruch, stets das beste und günstigste Business-Tool für Menschen zu sein, die Geld über Grenzen transferieren. Vor Kurzem hat Transferwise ein "grenzenloses" Konto auf den Markt gebracht, das neben Kreditkarte und Online-Überweisungstool die Möglichkeit bietet, in über 30 Länder gebührenfrei Geld zu senden.

Zuletzt aktualisiert: 03.07.2019

Thema: Geschichte & Kultur

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