Ellen Spielmann: Wellen und Feuerwasser im Tulivee Restaurant

Quelle: Keio Raamat, Visit Estonia

Ellen Spielmann: Wellen und Feuerwasser im Tulivee Restaurant

Text:

Ellen Spielmann

Liimala-Küla, der kleine Küstenort an der Mündung des Purtse-Flusses, 137 Kilometer nordöstlich von Tallinn gelegen, wartet mit einem bezaubernden Ostseestrand samt Dünenwiese, Kiefern, einem wunderbaren Ausblick aufs Meer und einem ausgezeichneten Restaurant auf. Die Reisejournalistin Ellen Spielmann war für das Magazin „Der Kulinariker" dort und erzählt von ihren Eindrücken.

Skandinavischer Stil am Ostseestrand: das Tulivee

Foto: Valmar Voolaid, Visit Estonia

Das auch architektonisch schicke, mit viel Holz im skandinavischen Stil des 21. Jahrhunderts erbaute Restaurant öffnet seit Juni 2017 100 Meter vom Strand von Liimala und nur 200 Meter von der Purtse Marina, dem neuen Jacht- und Bootshafen. Besitzer und Gründer dieses Schmuckstückes und des kleinen Hafens sind zwei Brüder: Hannes Prits ist CEO (Chief Executive Officer) in Tullivee, Heigo Prits kümmert sich seit 2015 als Hafenmeister um den neuen Hafen. 2012 kamen sie auf die Idee, denn der Großvater, ein Fischer aus Liimala reparierte auch Boote, einmal auch ein Rettungsboot genau an der Anlegestelle, wo jetzt die der neue kleine Hafen ist wie ein altes Photo dokumentiert.

Von der Restaurantterrasse (50 Plätze) hat man ebenso wunderschöne Blicke in Richtung Strand wie im Inneren des im skandinavischen Design gehaltenen Restaurants (70 Plätze) durch die hohen Glasfenster. Am Strand stehen kleine Fußballtore für Freunde des Beach Soccer (Strandfußball), bei unserem Besuch war auch schon Holz meterhoch geschichtet für das alljährliche riesige Strandfeuer Ende August. Solche Feuer gibt es am letzten Augustwochenende entlang der Ostsee fast im Abstand von nur einem Kilometer entlang der ganzen estnischen Küste.

Der Innenraum des Tulivee

Foto Valmar Voolaid, Visit Estonia

Die leuchtenden Lampenkugeln an der Decke des Schankraums hängen wie "Schmugglerbeute" in Fischernetzen. Zahlreiche großformatige Schwarzweiß-Fotos an den Wänden stammen aus dem Fotonachlass des Großvaters und zeigen Szenen aus dem Alltag der Schmuggler in den 1920er und 1930er Jahren. Hier ein adrett im Anzug gekleideter Herr mit einem Blechkanister in der Hand, der ihn wohl als Schmuggler ausweist. Dort stolze Polizisten mit beschlagnahmten Kanistern: ein Ereignis, das wohl eher selten vorkam. Dann auch ein historisches Schmuggler-Schnellboot namens "BLUFF" in voller Fahrt und mit Besatzung, das wohl zum Schmuggeln diente. Dann folgen Schmuggler beim Umladen der Ware von Schiff zu Schiff.

Der neue kleine Yachthafen von Purtse

Foto: Keio Raamat, Tulivee, Visit Estonia

Und schließlich das schönste Foto: eine keck schauende junge, sehr hübsche Dame mit Käppi, die sich im Schmugglerboot zwischen Kanistern duckt! Das Foto zeigt sie wie eine Stummfilmdiva jener Zeit – einmalig. Das Feuerwasser gerierte zum lukrativen Exportprodukt für Purtse und andere kleine Küstenorte nachdem in Finnland 1919 das berühmte verschärfte Prohibitionsgesetz in Kraft trat. Tulivee erzählt die lokale Geschichte von 1920 bis 1940 en Detail - die riskanten Unternehmungen und die Heldentaten der mit allen Wassern gewaschenen Schmuggler, die so gut organisiert waren, dass sie kaum zu fassen waren.

Gediegener Stil, leckeres, frisches, regionales Essen

Foto: Valmar Voolaid, Visit Estonia

An der Theke zeigt Barmann Reio nicht nur die leckeren Biere aus der nahen Purtse-Brauerei, einer Mikrobrauerei, die auch erst im Oktober 2016 öffnete. Clou ist aber das von den drei Purtse-Meisterbrauern für das Restaurant gebraute Spezialbier Tulivee "Vana Trogar", natürlich nur hier zu haben und zu kosten. Und damit nicht genug. In ein echtes Schmugglernest gehört natürlich auch Rum, auch wenn aktuell weit und breit keine Piraten oder Schmuggler zu entdecken sind. Und so hat sich Tulivee auch einen eigenen Haus-Rum bestellt, und zwar direkt von der historischen Rumschmuggelstraße in der Karibik: aus Barbados: Nur hier gibt es nun also diesen Import, neu etikettiert und abgefüllt, als "Tulivee Finest Aged Rum": sieben Jahre alt, je Flasche nummeriert und wir stehen staunend vor der Nr. 2120 des Zuckerrohrwunders mit satten 40 Prozent Alkohol!

Das Gesamtensemble als Panorama

Links der Yachthafen, rechts das Restaurant

Foto: Valmar Voolaid, Visit Estonia

Die Vorspeisenabteilung der Menükarte überzeugt auf Anhieb durch den erzählerischen Ton: "At the seaside at Grandma´s Baltic Hering in homestyle marinade" – An der See zu Tisch Großmutters hausgemachter baltischer Hering, serviert mit roten Zwiebeln und selbstgebackenem Brot (6€). Für Vegetarier: "Hipster´s dream" – Ziegenkäsecreme mit gebackener Rote Beete und Schwarzwurzel-Chips (6€) oder Tartar vom gesalzenen Weißfisch mit geräuchertem Hüttenkäse und in der Pfanne gebratenen Kartoffeln (9€). Es gibt einen wunderbare Borschtsch mit Entenfleisch und estnischer saurer Sahne (5€). Als Hauptspeise ein vegetarisches Couscous mit roten Bohnen und scharfer Sauce (12€) oder ein mit Spinat gefülltes Hühnchenfilet, dazu Karotten-Steckrüben Püree und Gemüse (12€). Auch "catch of the Day" – Fischers Fang, firmiert unter dem schönen Namen "Sea blessing" mit Spargel, Butter-Zitronensauce (13€) – ist zu haben. Keine Frage, zum Nachtisch muss es "grandma´s kiss" sein: ein hausgemachter Frischkäsebarren mit Schokoladenüberzug, dazu drei Sorten frische Beeren (4€). Kleine Karte, aber oho!

1a-Lage mit Terrasse und Ausblick 

Foto: Valmar Voolaid, Visit Estonia

Rings ums Haus wurden Findlinge am großen Parkplatz deponiert, wo auch eine Reihe Mountainbikes davon erzählen, dass Radlergruppen Tulivee längst für sich entdeckt haben und das Restaurant als Mittagsziel gerne ansteuern, um nach einem Bad in der Ostsee wunderbar unter der wärmenden Ostseesonne zu speisen.

Das Projekt Tulivee entstand auch durch EU-Förderung, insbesondere der Ausbau der Marina, des neuen Jacht- und Bootshafens mit 2,5 m Tiefgang dürfte davon profitiert haben. Das eingezäunte Areal, über dem Estland-Flaggen im Wind knattern, birgt auch das alte Küstenschutz- und Seenotrettungsboot, das der Großvater reparierte. 2019 soll dann das langersehnte Schmugglermuseum gegenüber dem Restaurant eröffnen. Es wird in einem historischen Blockhaus eingerichtet werden, das man vorbei an dem Ruderboot mit der Bezeichnung BSA-S262 durch Kiefern und Sand nach 200 Meter erreicht. Nur das geplante Hotel wird wohl noch etwas warten müssen.


Lesen Sie Ellen Spielmanns gesamten Bericht auf kulinariker.de!


P.S.: Schiffssauna im Yachthafen Purtse

Die "Black Pearl" bringt Besucher ins Schwitzen

Foto: Keio Raamat, Visit Estonia

Inzwischen gibt es im Yachthafen von Purtse auch eine der vielen ungewöhnlichen Saunas zu entdecken, die Estland zu bieten hat. Die Black Pearl bietet ein Schwitzerlebnis der besonderen Art. Ein Besuch dieser Schiffssauna ist sehr empfehlenswert!

Zuletzt aktualisiert: 27.03.2019

Thema: Nordestland, Geschichte & Kultur, Essen, Trinken & Nachtleben

Lass dich inspirieren