Wer sind Estlands E-Bürger?

Quelle: Renee Alttrov, Visit Estonia

Wer sind Estlands E-Bürger?

Estland war vor etwa fünf Jahren das erste Land, das eine elektronische Staatsbürgerschaft, eine so genannte „e-Residency" eingeführt hat. Mittlerweile haben sich fast 50.000 Menschen aus 157 Ländern angemeldet.


Es klang erst wie eine Utopie: Allen Menschen der Welt sollte es möglich sein, eine digitale Staatsbürgerschaft in Estland zu beantragen – unabhängig von ihrem physischen Wohn- bzw. Aufenthaltsort, unabhängig von ihrer „eigentlichen" Staatsbürgerschaft und auch unabhängig von allem Sonstigen, das bisweilen als Barriere wirkt: ethnische Herkunft, Religion, soziale Schicht.

Die Vorteile? Als E-Resident kann man viele der von Estland digital bereitgestellten Werkzeuge und das vertrauensvolle Umfeld der rechtssicheren EU nutzen: Man kann mit wenigen Klicks ein Unternehmen gründen, man hat Zugang zu einem Netzwerk internationaler Dienstleister (zum Beispiel im Bereich Zahlungen), man kann Dokumente sicher verschlüsseln und digital signieren. Kurz und gut: Man erhält mit der e-Residency Zugang zur globalisierten Wirtschaft in einem sicheren Rahmen und kann dank moderner Tools dort mitmischen.


E-Estland ist inzwischen praktische Wirklichkeit

Foto: Jelena Rudi, Visit Estonia


Niemand wusste damals, wer das Angebot tatsächlich nutzen würde. Zunächst haben viele Freaks aus reiner Sympathie ihre elektronische ID-Karte beantragt; sie hatten gar nicht vor, damit irgend etwas Sinnvolles zu tun. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Heute, fast fünf Jahre später, hat das digitale Estland bereits rund 50.000 E-Bürger aus 157 Ländern der Erde. Und die Motivation bei den Neubürgern ist so gut wie immer, ein Unternehmen gründen zu wollen.

Mittlerweile werden rund 5.000 Unternehmen von „Digital-Esten" geführt – quasi ortsunabhängige Unternehmen, die trotzdem EU-basiert sind und die mit niedrigen Kosten und wenig Aufwand von überall aus gemanagt werden können.


Die digitale Staatsbürgerschaft zieht Unternehmer an

Foto: Rasmus Jurkatam, Visit Estonia




Wer sind die Bürger des "digitalen Estlands"?

Welche Vorteile bietet das wegweisende estnische e-Residency-Programm? Nachfolgend findet sich eine Übersicht über die wichtigsten Gruppen. Viele digitale Bürger werden in mehrere dieser Kategorien fallen. Und eines verbindet sie so gut wie alle: Die Bürger des digitalen Estlands sind Menschen, die in ihrer Heimat auf Hindernisse für das Unternehmertum gestoßen sind und in der grenzenlosen digitalen Nation online neue Möglichkeiten gefunden haben.

Digitalnomaden

Aufgrund des raschen Fortschritts der digitalen Technologie und flexiblerer Arbeitskulturen entscheiden sich immer mehr Menschen für das Leben als „digitaler Nomade", da sie überall dort arbeiten können, wo eine Internetverbindung besteht.

Zu dieser Gruppe gehören Arbeitnehmer, Freiberufler, Unternehmer und auch selbstständige Expats, die sich möglicherweise jahrelang an einem Ort aufhalten, bevor sie mit ihrem Unternehmen in ein anderes Land oder in ihre Heimat umziehen. Obwohl noch längst nicht jeder mit dem Begriff "Digitalnomade" vertraut ist (einschließlich der Personen, auf die diese Beschreibung derzeit zutrifft), gibt es Prognosen, die besagen, dass die Mehrheit der Arbeitsplätze in Zukunft ortsunabhängig sein könnte.

Unternehmer aus Nicht-EU-Staaten

Das größte Wachstum für die e-Residency ist derzeit bei Menschen außerhalb der EU zu verzeichnen. Unternehmer, die nicht in der EU leben, wollen Zugang zum EU-Markt erhalten und von den rechtlichen Rahmenbedingungen, den Finanzdienstleistungen und einem höheren Maß an Vertrauen bei der globalen Geschäftstätigkeit profitieren.

Unternehmer innerhalb der EU

Viele Menschen gehen davon aus, dass sich die e-Residency in erster Linie an Unternehmer richtet, die Zugang zum EU-Markt benötigen. Unternehmer aus der EU sind jedoch derzeit die größte Gruppe der E-Bürger.

Immer mehr Unternehmer auf dem gesamten Kontinent erkennen, dass sie ein EU-Unternehmen benötigen, aber es gibt oft mehr Hindernisse als gute Gründe, es in ihrem Heimatstaat zu gründen, insbesondere wenn die Kosten und der Aufwand für den Betrieb dort höher sind.


Mit der e-Residency erhält man ein ID-Card-Kit

Foto: Visit Estonia


Britische Unternehmer

Seitdem Großbritannien für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hat, haben die britischen Anträge für die Staatsbürgerschaft in Digital-Estland stark zugenommen. Viele britische Unternehmer entdecken die e-Residency auf der Suche nach einer Möglichkeit, „in der EU zu bleiben".

Startup-Unternehmer

Der Standort ist eine wichtige und oft die folgenschwerste Entscheidung für Existenzgründer. Ein via e-Residency gegründetes Startup ist jedoch ortsunabhängig, da es von überall auf der Welt im EU-Geschäftsumfeld betrieben werden kann. Diese Flexibilität ermöglicht es Start-up-Unternehmern, mit wenig Aufwand zu beginnen, Talente weltweit zu engagieren und alle Optionen offen zu halten.

Freiberufler aus Schwellenländern

Vertrauen ist eines der wertvollsten Wirtschaftsgüter. Leider haben viele Menschen auf der ganzen Welt aufgrund ihres Standorts Schwierigkeiten, Finanzdienstleistungen in Anspruch zu nehmen. E-Bürger werden jedoch von der estnischen Polizei und dem Grenzschutz überprüft und erhalten dann Zugang zu einem offenen und transparenten EU-Geschäftsumfeld, in dem sie auf alle Tools zugreifen können, die für eine globale Geschäftsabwicklung erforderlich sind.

Blockchain-Unternehmer

Der Aufstieg der Blockchain-Technologie (Stichwort: Bitcoin) ist für eine zunehmende Anzahl von Branchen relevant und bietet neue Möglichkeiten, um Finanzmittel durch „Initial Coin Offerings" oder ICOs zu beschaffen.

Eine Herausforderung haben alle diese neuen Unternehmen zu bewältigen: die Notwendigkeit, die Online-Identität von Benutzern durch einen Prozess zu authentifizieren, der als KYC oder "Know Your Customer" bezeichnet wird. Die sichere, von der Regierung unterstützte digitale Identität, mit der estnische e-Bürger ausgestattet sind, ist hier Gold wert, denn sie ermöglicht einen schnelleren und kostengünstigeren Verifizierungsprozess.


Zuletzt aktualisiert: 15.07.2019

Thema: Geschichte & Kultur

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