Die Manufaktur Kreenholm – ein beeindruckendes Denkmal des Industriezeitalters

Quelle: Ida-Viru Turismiklaster

Die Manufaktur Kreenholm – ein beeindruckendes Denkmal des Industriezeitalters

Sie war einst eine der größten Fabriken der Welt. Heute liegt die Kreenholm-Manufaktur bei der Stadt Narwa weitestgehend brach, ist aber als Monument nach wie vor beeindruckend. Es finden regelmäßig interessante Führungen statt – bisweilen auch Konzerte und Partys – und für die Zukunft ist einiges geplant. Die Geschichte eines beeindruckenden Ortes.


Die postindustrielle Landschaft der Grenzstadt Narwa ganz im Osten Estlands ist eng mit den riesigen stillgelegten Gebäuden der Kreenholm-Manufaktur verbunden. Heute sind diese Fabrikblöcke nur noch bei Musikfestivals oder Führungen mit Leben und menschlichen Stimmen erfüllt; im letzten Jahrhundert allerdings war hier Tag und Nacht Betrieb; zu besten Zeiten arbeiteten fast 12.000 Menschen in der Fabrik – in mehreren Schichten rund um die Uhr.

Die Manufaktur hat einen Jahrhundertwechsel, zwei Kriege und verschiedene Regime überstanden; gescheitert ist sie schließlich am Wettbewerb der zunehmenden Globalisierung. Aber beginnen wir von vorne:


Von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg

Die Kreenholm-Manufaktur wurde nach der Insel Kreenholm („Kräheninsel") benannt, die mitten im Fluss Narwa liegt und Teil der gleichnamigen Stadt ist. Die kleine Insel, die von drei bis sechs Meter hohen Wasserfällen umgeben ist, war aufgrund der Energie, die sie quasi mit Bordmitteln für die Produktion erzeugen konnte, bestens geeignet, um hier eine Fabrik zu errichten.

Kreenholm, die Kräheninsel

Das umfließende Wasser des Flusses Narwa wurde zur Energiegewinnung genutzt.

Foto: Visit Estonia

Und genau damit begann im Jahr 1857 Ludwig Knoop aus Bremen, gemeinsam mit einigen örtlichen Industriellen. Knoop war zu diesem Zeitpunkt bereits so etwas wie der Papst der russischen Baumwollindustrie – er hatte viel Pionierarbeit geleistet –, kaufte kurzerhand die kleine Insel und ließ dort zunächst Gebäude für eine Baumwollspinnerei errichten.

Bereits im Jahr 1893 waren im Werk rund 7.000 Arbeiter beschäftigt, 22.000 Webstühle waren im Einsatz. Das Management bestand aus Engländern, die Arbeiterschaft rekrutierte sich aus Esten und Russen. Und es war eine sehr moderne Fabrik:  Man betrieb ein Krankenhaus, Schulen für 1.200 Kinder, zwei Kirchen (lutherisch und russisch-orthodox) und baute auf dem Gelände nach und nach Wohnhäuser für die Arbeiter. Später gesellten sich zur Infrastruktur außerdem eine eigene Poststelle, ein Kindergarten, ein Polizeibüro, ein Gefängnis, ein Telegrafenamt, ein Friseursalon, ein Klubhaus, ein Badehaus, eine Bäckerei und eine Wäscherei.

Kreenholm war eine moderne Fabrik

Foto: Ida-Viru Turismiklaster, Visit Estonia

Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg produzierte die Fabrik jährlich über 70 Millionen Meter halbfertiges Baumwollgewebe und beschäftigte über 10.000 Mitarbeiter. Die Produkte der Fabrik wurden hauptsächlich nach St. Petersburg und Moskau verkauft. Es war das goldene Zeitalter der Manufaktur.

Dann kam der Krieg.


Hoffnung auf neuen Aufschwung: Zwischen den Kriegen

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs begann eine düstere Periode im Leben von Kreenholm. Zunächst kam es zu Unterbrechungen in der Lieferkette. Die Baumwolle kam hauptsächlich aus den USA, und die Lieferungen auf dem Seeweg wurden damals eingestellt. Die Rohstoffe kamen zwar auch mit der Eisenbahn aus Zentralasien, allerdings mit großen Unterbrechungen. Nach Oktoberrevolution und Kriegsende schließlich ging die Nachfrage nach Stoffen so weit zurück, dass es zu einer fast vollständigen Schließung des Unternehmens kam, das zuvor das größte seiner Art im Russischen Reich gewesen war.

Die neue Regierung der Ersten Republik Estlands gewährte der Manufaktur Kredite. In den 1920er Jahren lief die Produktion wieder an, auch wenn sie noch weit von den Vorkriegsmengen entfernt war. Im Jahr 1924 wurde Theodor, einer der Söhne Knops, Vorstandsvorsitzender, und bis Ende 1929 wurden immerhin 9,5 Millionen Meter Stoff 81 verschiedener Arten produziert. Es schien, als gäbe es eine Chance, an die glorreichen alten Zeiten anzuknüpfen.

Das Kreenholm-Areal heute

Foto: Sven Zacek, Visit Estonia



Der Zweite Weltkrieg und die sowjetischen Fünfjahrespläne

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Fabrik auf Heeresproduktion umgestellt und ein Teil der Belegschaft wurde an die Front beordert. Im Laufe des Krieges wurde nicht nur die Stadt Narwa, sondern auch viele der Kreenholmer Gebäude zerstört.

Nach dem Krieg wurde die Produktion wieder aufgenommen. Nun begann eine routinierte Phase unter dem Diktat der sowjetischen Fünfjahrespläne. 1957 feierte die Kreenholm-Manufaktur ihr hundertjähriges Bestehen, indem sie die Produktion hochfuhr, die Ausrüstung modernisierte und neue Fabrikgebäude eröffnete. In den Folgejahren wuchs das Unternehmen immer weiter.

Am Ende der 1980er Jahre produzierten die mittlerweile sieben Fabriken Kreenholms jährlich 200 Millionen Meter Stoff mit 250 Designs und Farben. Das Unternehmen beschäftigte rund 12.000 Menschen. Praktisch jede Familie in der Sowjetunion besaß mindestens einen in Narwa hergestellten Gegenstand. Besonders berühmt waren Bettwäsche und Handtücher.



Nach dem Untergang der Sowjetunion: das schleichende Ende

In den über 130 Jahren ihres Bestehens hatte Kreenholm vieles er- und überlebt – darunter zwei Kriege, den Zusammenbruch von Regierungen. Den Folgen der mit dem Untergang der Sowjetunion 1991 anbrechenden neuen Zeit allerdings hatte sie nichts mehr entgegenzusetzen.

Mit der Privatisierung nach 1991 wurde das Unternehmen in eine Vielzahl von Tochtergesellschaften aufgeteilt, die die Produktion nach und nach in Länder mit geringerem Lohnniveau verlagerten. Bis in die 2000er Jahre hinein gab es noch eine gewisse Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Produktion; die erwies sich vor dem Hintergrund des weltweiten Wettbewerbs aber schlussendlich als illusorisch.

Das Unternehmen geriet unrettbar in die Verlustzone. 2003 war bereits die Spinnerei geschlossen worden, kontinuierlich wurden immer mehr Arbeiter entlassen. Im Jahr 2010 schließlich musste Konkurs angemeldet werden.

Heute sind viele der Gebäude aus der Sowjetzeit abgerissen. Geblieben sind die stillen, majestätischen Mauern der Gebäude aus der Zarenzeit, die an die einstige Größe des Industrieriesen erinnern.


Die Zukunft

Man hat einiges vor in Kreenholm. Schon heute ist das Areal ein bei Touristen beliebtes Besichtigungsobjekt. Das Museum Narwa bietet regelmäßige geführte Exkursionen an. Außerdem wird ein Teil des Geländes von der örtlichen Kreativszene genutzt: Es finden Partys und Konzerte statt und es gibt Ateliers und Ausstellungen.

Die Diskussion, was mit dem beeindruckenden Gelände in dieser traumhaften und exponierten Lage des Weiteren geschehen soll, dauert an. Beschlossen ist bereits, in Kreenholm ein großes Event- und Unterhaltungszentrum zu bauen. Der erste Schritt ist getan: Zukünftig wird die „Kreenholmer Textilwelt" in den historischen Baumwolllagern Besuchern Geschichten rund um Baumwolle, Textilien und Design erzählen.

Narwa – ein interessantes Reiseziel

Foto: Visit Estonia

Narwa und seine Umgebung sind aber auch über Kreenholm hinaus ein lohnendes Reiseziel. Hier, im Kulminationspunkt der Einflüsse aus Ost und West, atmet man Geschichte und ein heute ganz besonderes Flair. Die neu gestaltete Flusspromenade ist ein schöner Ort für einen Spaziergang mit Blick hinüber nach Russland. Und die über der Promenade aufragende Hermannsfeste, die auch das örtliche Museum beherbergt, ist ein spannendes Relikt aus alten Zeiten, das historisch Interessierten jede Menge über die Vergangenheit des Ortes verraten wird.

Zuletzt aktualisiert: 24.11.2021

Thema: Nordestland, Geschichte & Kultur