Tallinns Mythen und Legenden

Quelle: Andres Raudjalg, Visit Estonia

Tallinns Mythen und Legenden

Jede alte Stadt hat ihre Geschichten, die sich über Jahrhunderte erhalten und von Generation zu Generation tradiert werden. Estlands Hauptstadt ist mit solchen Mythen und Legenden besonders reich gesegnet.


Die Anfänge Tallinns liegen im 11. Jahrhundert. Damals wurde auf dem heutigen Domberg eine hölzerne Burg erbaut und ein Handelsplatz errichtet; auch der Tallinner Hafen stammt aus dieser Zeit. 1219 wurde die Burg in einer denkwürdigen Schlacht durch den dänischen König Waldemar II erobert, neu errichtet und um eine Domkirche erweitert.

Tallinns Altstadt

Foto: Rasmus Jurkatam, Visit Estonia

Lange währte diese erste dänische Herrschaft nicht. Schon acht Jahre später fiel die Macht über den Ort an den Schwertbrüderorden, der 200 Kaufleute aus Niedersachsen und Westfalen unterhalb der Burg ansiedelte – die eigentliche Stadtgründung. Offizielle "lübische Stadtrechte" erhielt Reval, wie der Ort inzwischen genannt wurde, im Jahr 1248 und wuchs seither beständig – unter dänischer, deutscher, schwedischer und russischer Herrschaft. Seit 1918 heißt die Stadt offiziell Tallinn.

Ihre wechselvolle Geschichte, deren bauliche Zeugnisse zu weiten Teilen heute noch bestaunt werden können, macht die estnische Hauptstadt zu einer besonderen Stadt. Selbst durch die langen Jahrzehnte der Sowjetherrschaft ist es gelungen den historischen Charme der Altstadt zu bewahren. Heute ist Tallinn die besterhaltene mittelalterliche Stadt Europas.


Altstadt-Erkundung auf den Spuren von Legenden

Wer in der Tallinner Altstadt unterwegs ist, atmet auf Schritt und Tritt Geschichte; jedes alte Haus birgt irgendein Geheimnis. Alle Besichtigungstouren, die man in der Altstadt mit kundigen Führern unternehmen kann, gehen auf die eine oder andere der alten Legenden ein. Besonders beliebt ist das Angebot, das den Besucher tief ins mittelalterliche Tallinn eintauchen lässt. Es gibt aber auch spezielle Führungen, die sich auf Legenden konzentrieren und bei denen man gezielt jene Orte aufsucht, um die sich die Mythen ranken.

In den Gassen der Altstadt

Hier atmet man Geschichte ... und Geschichten.

Foto: Mart Vares, Visit Estonia

Weil diese alten Geschichten so eindrücklich und manchmal auch so schön schaurig sind, wurde daraus mittlerweile ein außergewöhnliches und sehr unterhaltsames Projekt entwickelt: Tallinner Legenden ist eine Art interaktives Museum, das mit Ausstellungen, Schauspiel und Animation die schönsten der Legenden ins Bewusstsein des Publikums bringt. Das Programm wechselt immer wieder und bleibt also auch für diejenigen spannend, die es schon einmal besucht haben, denn der Mythen und Geschichten sind viele.

Zum Beispiel diese drei:

Der „Altstadt-Perverse"

Vielleicht haben Sie ihn beim Bummel durch die Altstadtgassen schon einmal gesehen, hoch oben auf einem Haus in der Straße Pikk. Und vielleicht haben Sie sich gefragt, was es mit ihm auf sich hat – mit dem „Altstadt-Perversen". Es handelt sich dabei um die hölzerne Skulptur eines Mannes, der durch eine Brille schaut. Nur Oberkörper und Kopf sind zu sehen und er blickt vom Giebel eines herrschaftlichen Hauses auf das Haus vis-à-vis.

Das reale Vorbild der Skulptur, so will es die Geschichte, hat einst im gegenüberliegenden Haus gewohnt und beobachtete von dort aus regelmäßig eine junge Dame durchs Fenster. Deren Ehemann soll sich darüber so sehr geärgert haben, dass er den Spanner als Skulptur anfertigen und auf den Giebel seines Hauses platzieren ließ, so dass der Mann sich künftig selbst sah, wenn er aus dem Fenster schaute.

Legenden auf Schritt und Tritt

Foto: Renee Altrov, Visit Estonia


Die Hochzeit des Teufels

Wer durch die Straße Rataskaevu spaziert und sich die Fassade des Hauses Nr. 16 aufmerksam anschaut, wird entdecken, dass das Fenster ganz links oben gar kein echtes Fenster, sondern nur ein gemaltes Fenster ist. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist wirklich schaurig.

Das Haus war in diesen fernen Zeiten eine kleine Pension. Die lief schon lange nicht gut und der Eigentümer war so verzweifelt und verschuldet, dass er beschloss seinem Leben ein Ende zu setzen. Kurz vor diesem fatalen Moment klopfte es an der Türe und ein dunkel gekleideter Mann begehrte, ein Zimmer im obersten Stockwerk für ein Fest bis in die Morgenstunden zu mieten. Er bezahlte einen unvorstellbar großzügigen Betrag, unter der Bedingung, dass bis zu seiner Abreise niemand einen Blick in das Zimmer werfen dürfe.

Natürlich schlug der arme Wirt ein. Er war aber zu neugierig und im Morgengrauen kletterte er auf eine Leiter und schaute durch das Fenster ins Zimmer. Was er dort genau sah, darüber gehen die Variationen der Geschichte auseinander (in einer anderen Version betrat er das Zimmer durch die Tür), aber er war sich jedenfalls sicher, dass dort in dieser Nacht die Hochzeit des Teufels gefeiert worden war.

Die Kunde, dass der Teufel in Tallinn zu Gast gewesen sei, veranlasste den Stadtrat, dem Wirt die Auflage zu machen, das entsprechende Zimmer zuzumauern und komplett von der Außenwelt abzuschließen, auf dass niemand mehr jemals dort Zutritt haben solle.

Der Rathausplatz

Foto: Tanel Murd, Visit Estonia


Der alte Mann des Ülemiste-Sees

Der Ülemiste-See – neben dem Flughafen Lennart Meri gelegen – soll der Legende nach einst durch einen sintflutartigen Regen entstanden sein. Einem Mann gelang es damals nicht rechtzeitig, sich in Sicherheit zu bringen und er ertrank in den Fluten. Sein Geist ist seither der Hüter des Sees.

So weit, so gut.

Aber der See hat nur einen einzigen Zweck und der Hüter des Sees hat nur eine einzige Aufgabe: In dem Moment nämlich, in dem die Stadt Tallinn einmal fertig gebaut sein wird, wird der Hüter die Wasser nicht mehr bändigen; der See wird unermüdlich über die Ufer treten und die gesamte, niedriger gelegene Stadt fluten, alle Bauwerke zerstören und die Überlebenden nötigen, wieder ganz von vorne anzufangen.

Die Einwohner Tallinns wissen das natürlich. Und das ist der Grund, aus dem diese Stadt nie stillsteht; bis heute wird unermüdlich gebaut und saniert, neue Ideen erblicken ständig das Licht der Welt. Niemand sagt: Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön! Denn dann wäre es um die schöne alte Stadt geschehen.

Nehmen Sie sich also in Acht: Wenn Ihnen beim Bummel durch Tallinn ein alter Mann begegnet, der Sie fragt, ob die Stadt denn inzwischen fertig sei, gibt es darauf nur eine richtige Antwort – und mit ihr werden Sie Tallinn vor der Sintflut bewahren: „Natürlich nicht. Wir sind noch lange nicht fertig und es gibt noch wahnsinnig viel zu tun." – Verschwindet der Mann dann grummelnd in den Gassen, wissen Sie: Sie haben gerade mit einem Geist gesprochen. Und Sie haben Tallinn gerettet!

Blick auf den Weihnachtsmarkt

Foto: Sergei Zjuganov, Visit Estonia

Zuletzt aktualisiert: 19.05.2020

Thema: Familienurlaub, Tallinn, Geschichte & Kultur